Alfred Holzbrecher
Subjektorientiert lehren und lernen.
(veröff. unter dem Titel “Subjektorientierte
Didaktik. Lernen als Suchprozess und Arbeit an Widerständen, in:
H.G.Holtappels, M.Horstkemper (Hg), Neue Wege in der Didaktik. Analysen und
Konzepte zur Entwicklung des Lehrens und Lernens, Die Deutsche Schule.
Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische
Praxis, 5.Beiheft 1999, Frankfurt, S. 141-168)
Wissenschaftliche Texte lassen
zumeist den ihnen zugrunde liegenden Erkenntnisprozess nicht erkennen. Sie
erscheinen dem Leser als systematische Abhandlung, d.h. als Resultat der
gedanklichen Entwicklung eines Autors, der hinter seinem Text “verschwindet”.
Wenn der Verfasser als Teil des Bildes kenntlich wird, das er zeichnet, wird er
als Subjekt mit einer Lerngeschichte erkennbar, an deren Wegmarken die
Herausforderungen ablesbar sind, die seinen Entwicklungsprozess ermöglicht haben.
Über “subjektorientiertes Lehren und Lernen” zu schreiben, bedeutet für mich
berufliche Selbstvergewisserung in Bezug auf meine langjährigen
Unterrichtstätigkeit in der Schule wie auch an der Universität.
Erfahrungsprozesse
gleichen Kristallen, die sich aus dem Zusammenwirken des Vorwissens, der
situativen Wahrnehmung von Herausforderungen und deren reflexiver Verarbeitung
entwickeln. Ihre Gestaltbildung folgt einem Prinzip, das häufig verborgen
bleibt. Doch es gehört zur Entwicklung der eigenen Professionalität, sowohl die
wissenschaftlichen Konzepte als auch die prägenden persönlichen Erfahrungen zu
erkennen, die in ihrem Zusammenwirken den pädagogischen Erkenntnissprozess
anreichern, ihn verändern bzw. ihm seine spezifische Note geben.
Erste
Spuren einer subjektorientierten Didaktik lassen sich in folgendem Vergleich
finden, der sich mir vor mehreren Jahren aufdrängte: Die Lehrtätigkeit ist der
eines Regisseurs[1]
vergleichbar, der mit angehenden Schauspielern an einem Stück arbeitet, dessen
Ende offen ist. Dieses Stück entsteht, indem die Spieler die vom Regisseur
gesetzte Herausforderung nutzen, um eigene Kompetenzen zu entdecken und
gemeinsam weiterzuentwickeln. Er kann ihnen das Handwerkszeug, das
Instrumentarium, das sie brauchen, um sich angemessen ausdrücken zu können,
nicht direkt “vermitteln”. Er kann aber Methoden wählen, die es den Spielern
ermöglichen, sich selbst bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten und Formen der
Erfahrungsbildung anzueignen bzw. die Verantwortung für das Handeln auf der
Bühne zu übernehmen: Diese Verantwortung bezieht sich in gleicher Weise auf die
Mitspieler bzw. die ihnen ermöglichten Handlungsspielräume, auf die dialogisch
hergestellte Entwicklung des gemeinsamen Stücks sowie auf die eigene
Subjektentwicklung. Die Arbeitsmethoden sind das wichtigste Instrument zur
Entwicklung des Stücks: Sie sind weniger Mittel zum Zweck, sondern eher das
Medium, mit dem der Regisseur erkennen kann, auf welche Weise sich die
Lernenden eine Sache aneignen.
Mit
diesem Vergleich wird die Kluft zwischen objektiven Bildungsaufgaben und dem
Lehrplan-Soll einerseits und der Aneignungsaktivität der Lernenden andererseits
deutlich. Verwenden wir die Metapher der “Kluft”, so scheint sie
“unüberbrückbar”: Lehren und Lernen als antagonistische Gegensätze. Mit dem
Bild des “Spannungsfelds” jedoch wird erkennbar, dass beide Pole zwar
gegensätzlich sind, aber untrennbar aufeinander bezogen sind: Lehren und Lernen
als nicht widerspruchsfrei aufzulösendes Verhältnis. Wenn also im Folgenden von
einer “subjektorientierten Didaktik” die Rede ist, lässt sich berechtigterweise
die Frage stellen, ob damit diese Spannungsbeziehung nicht nach der Seite des
Lernenden aufgelöst wird. Diese Gefahr vor Augen, soll im Folgenden versucht
werden, dieses Verhältnis durchzubuchstabieren - aus der Perspektive des lernenden
Subjekts. Auf den möglichen Einwand “nichts Neues” sei erwidert, dass
Spannungsbeziehungen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven und mit
anderen Fragestellungen durchgearbeitet und mit Begriffen erarbeitet werden
müssen, um lebendig zu bleiben.
Im Folgenden wird
zunächst versucht, neuere lern- und bildungstheoretischen Positionen
dazustellen, die dem hier zu entwickelnden Konzept zugrundeliegen. In einem
zweiten Teil soll kurz versucht werden, aus gesellschaftspolitischer Sicht die
Notwendigkeit einer subjektorientierten Didaktik zu begründen, und in einem
weiteren Schritt wird erörtert, inwiefern diese v.a. aus dem Bereich der
außerschulischen Bildungsarbeit stammenden Ansätze auf schulisches Lernen
übertragbar erscheinen. Damit werden die Umrisse einer subjektorientierten
Didaktik erkennbar, deren mögliche Auswirkungen auf schulisches Handeln
abschließend skizziert werden sollen.
Lernen als Konstruktionsprozess
Der Gedanke ist nicht neu, Lernen
als aktive Tätigkeit eines lernenden Subjekts zu beschreiben. So betonten etwa
die sowjetischen Psychologen der sog. kulturhistorischen Schule (Wygotsky,
Leontjew oder Galperin), dass der Mensch vor allem durch seine Tätigkeit
eine Beziehung zwischen äußeren Gegenständen und inneren Erkenntnisstrukturen
herstellt (vgl. Gudjons 1994:37 ff.). Die entwicklungspsychologische Schule in
der Tradition Jean Piagets (vgl. Edelstein/Hoppe-Graff 1993) und Hans Aeblis
Konzept einer Allgemeinen Didaktik (1993; 1995) verweisen auf den Grundgedanken
des Schweizer Kinderpsychologen, dass Lernende kognitive “Strukturen” oder
“Schemata” entwickeln (“konstruieren”), die es ihnen erst möglich machen,
Realität zu begreifen und sie als “Wirklichkeit” zu erfahren. Diese wird durch
die Brille der vertrauten Deutungsmuster wahrgenommen und zu einem subjektiv
bedeutsamen Bild der Wirklichkeit verarbeitet (“Assimilation”). Damit bilden
sich relativ konsistente Strukturen, und neue Informationen werden u.U. so
lange (um)gedeutet, bis sie “passen”. Erweist sich im handelnden Kontakt mit
der Realität, dass diese Deutungsmuster als Instrumente des Erkennens
untauglich geworden sind, müssen sie entsprechend den Notwendigkeiten und
Möglichkeiten verändert werden (“Akkommodation”)(vgl. Piaget 1991).
Piaget
geht in seiner genetisch bzw. lernbiologisch fundierten Erkenntnis-theorie von
einem Lernkonzept aus, bei dem der Lernende aus der Auseinandersetzung mit der
Objektwelt seine kognitiven Strukturen selbstorganisiert entwickelt. Die
Konsequenzen dieses Grundgedankens für das pädagogische Handeln wurden, wie es
scheint, erst mit der Aufarbeitung der kognitionswissenschaftlichen Arbeiten
von Humberto Maturana und Francisco J. Varela (vgl. 1990) deutlich. Sie
bewirkten eine nachhaltige Diskussion konstruktivistischer Erkenntnistheorien in
mehreren wissenschaftlichen Disziplinen (vgl. Gerstenmaier/Mandl 1995).
Spätestens mit diesem radikalisierten Ansatz konnte bei Wahrnehmungs- und
Lernvorgängen nicht mehr von Aneignung im Sinne einer gleichsam fotografischen
Abbildung äußerer Objekte ausgegangen werden. Wenn Wahrnehmung aus der
Perspektive konstruktivistischer Erkenntnistheorie als Bedeutungszuweisung zu
“an sich” bedeutungsfreien neuronalen Prozessen - im operational geschlossenen
System Gehirn - verstanden wird, d.h. als Konstruktion und Interpretation, so
hat dies weitreichende Konsequenzen für den Lehr-Lern-Prozess:
1.
Das
Paradigma der “Vermittlung” wird obsolet (vgl. Türcke 1994). Die Vorstellung,
Belehrung führe per se zu den intendierten Lernprozessen, d.h. die Lernenden
würden die Lerninhalte in der gewünschten Form abspeichern, erweist sich als
Illusion der Lehrenden. Informationen können nicht “übertragen” oder
“vermittelt” werden, doch es können Lernumgebungen geschaffen und Impulse
gegeben werden, die beim Anderen - möglicherweise - zu Lernprozessen führen.
2.
Wenn
“Realität” nicht als solche erkannt werden kann, sondern nur vermittelt über
unsere Konstruktionen von Wirklichkeit, kann es keine absolute “Wahrheiten”
geben, sondern nur relative, d.h. solche, die aus einer Beobachterposition
rückzubeziehen sind auf die biografische sowie historisch-gesellschaftliche
Position dessen, der sie ausspricht. “Der Anspruch auf einen privilegierten
Zugang zu ‘Wahrheit’, ‘Realität’, ‘Objektivität’ entlarvt sich aus
systemisch-konstruktivistischer Perspektive als ein ‘Anspruch auf Gehorsam’”
(Balgo/Voß 1997:68).
3.
“Lernen
ist als ein zutiefst aktives Handeln des Organismus zu verstehen, als ein
ununterbrochenes Reagieren oder Nicht-Reagieren auf erfolgreiche
Perturbationen” (Wyrwa 1995:36). Der Lernende nimmt das wahr, was ihm in seinem
Handlungskontext als bedeutsam erscheint. Bei dieser Zuschreibung/Konstruktion
beeinflussen sich sinnliche Wahrnehmungen und begriffliches Denken gegenseitig,
wobei diese selbstreferentiellen Prozesse - aufgrund einer “strukturellen
Koppelung” des Nervensystems mit der Umwelt - von sozioökonomischen,
soziokulturellen und biografischen Kontexten abhängig sind (vgl. Siebert
1995:54).
4.
Verstehen ist nach Varela eine “zirkuläre
Tätigkeit”, bei der das Handeln und Erkennen, die gewonnene Erkenntnis und die
erkennende Person untrennbar miteinander verbunden sind (zit.n. Siebert
1995:57). In sozialen Interaktionsprozessen wird über symbolisches Handeln Wirklichkeit
erzeugt, indem die Individuen ihr eine - möglicherweise gemeinsame - Bedeutung
zuschreiben. Jeder ist für seine eigene Konstruktion der Welt und deren Folgen
selbst verantwortlich. Keine Tradition oder Institution kann sie ihm
verbindlich vorschreiben (vgl. Huschke-Rhein 1997:38).
5.
So ist
es folgerichtig, dass Ansätze einer “systemisch-konstruktivistischen Didaktik”
eine große Nähe zu reformpädagogischen Autoren haben. So sollen nach Kersten
Reich beispielsweise Methoden entwickelt werden, die eine hohe Selbsttätigkeit
und eine Selbstbestimmung im Lernprozess ermöglichen, dessen Regeln von den am
Interaktionsgeschehen Beteiligten entwickelt werden. Die Methoden sollen dazu
beitragen,
- “die
konstruktiven Verarbeitungsmöglichkeiten jedes Beteiligten zu stärken,
- die
dabei entwickelten Blickweisen als Möglichkeiten einer
Wirklichkeitskonstruktion zu akzeptieren,
-
weitere Blickweisen und andere Möglichkeiten hierzu herauszufordern,
- das
dadurch erzeugte Spannungsverhältnis von symbolischer Sicherheit (das jeweils
Gewußte) und Unsicherheit (das jeweils noch Mögliche) altersgemäß erfahrbar
werden zu lassen, indem vorrangig die Schüler die Reflexion ihrer
Wirklichkeitskonstruktion beschreiben und erklären lernen,
- die
Lehrer flexibel im Blick auf die Lernbedürfnisse ihrer Schüler zu halten,
- den
Schülern Chancen zu geben, die Lern- und Lehrbedürfnisse ihrer Lehrer zu
verstehen” (Reich 1997:89).
6.
Der
Lehr-Lern-Prozess erscheint damit aufgrund seines kommunikativen Charakters für
alle Beteiligten als ein “konstruktiver Ort möglichst weitreichender eigener
Weltfindung” (Reich 1996:266). Selbstverantwortetes Lernen wird ermöglicht
durch Veränderungen im System Schule wie auch durch die Impulse bzw. die Person
der Lehrperson (vgl. Wyrwa 1995:39 ff.)
Positiv einzuschätzen sind bei
diesem Ansatz einer systemisch-konstruktivistischen Pädagogik die ethischen
Implikationen, d.h. vor allem, dass die persönliche Verantwortung des Lehrenden
wie des Lernenden für das eigene Handeln akzentuiert wird. Durch die
systemische Perspektive wird deutlich, dass Verantwortung übernehmen sich in
gleicher Weise auf einen selbst sowie auf die Beziehung zu anderen zu beziehen
ist. Das Bewusstsein, dass die eigene Subjektentwicklung untrennbar verbunden
ist mit der der anderen, begünstigt die Entwicklung von Sensibilität für die
gemeinsam herzustellende Wirklichkeit - konkret: für eine
gemeinsame Deutung der Realität, für soziale Umgangsformen, Haltungen,
Zukunftsperspektiven etc.
Ungeklärt
scheint jedoch das Verhältnis des Konstruktivismus zu Verstehensprozessen bzw.
zur hermeneutischen Perspektive. Kersten Reich weist darauf hin, dass es neben
der Konstruktion, der “Erfindung unserer Wirklichkeit” auch um “Rekonstruktion”
geht, d.h. um die Entdeckung von Wirklichkeit, sowie um “dekonstruktive”
Analyse und Enttarnung des Vorgegebenen. Pädagogik soll ermöglichen, über die
Dekonstruktion “in den Zirkel der Konstruktion und Rekonstruktion
zurückzufinden” (Reich 1996:121).
Ohne
aus wissenschaftsgeschichtlicher bzw. erkenntnistheoretischer Sicht auf
Unterschiede oder Berührungspunkte zwischen einer konstruktivistischen und
einer hermeneutischen Perspektive einzugehen, darf davon ausgegangen werden,
dass wohl bei beiden die historisch-gesellschaftliche Bedingtheit von Erkenntnis
betont wird. Bei “rekonstruktiven” Tätigkeiten, d.h. Verstehensversuchen in
Bezug auf zeitlich und räumlich entfernte Gegenstände, gelte es - so Kersten
Reich - die Beobachterperspektive zu fokussieren: ”Wer hat es damals so und wer
hat es anders gesehen! Welche Handlungsmöglichkeiten haben Beobachter damals
festgestellt und welche fallen uns hierzu ein? Was veranlasst wissenschaftliche
Beobachter der Gegenwart dazu, ein Ereignis kausal so zu bestimmen, dass es
notwendig erscheint?” (Reich 1996:120). Auch die Hermeneutik betont die
“Einsicht, dass wir niemals die Worte finden, die etwas Definitives sagen,
sondern immer noch offen lassen, was man weitersagen muss, denn das ist das
Wesen des Gesprächs” (Gadamer 1995:8). Aus hermeneutischer Sicht ergibt sich
die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Verstehensprozesses einerseits aus der
Tatsache, dass jeder Verstehende in einen spezifischen historischen und
(sozio-)kulturellen Kontext eingebunden ist, der zum Gegenstand des reflexiven
Verstehens werden muss. Andererseits ist für den Hermeneutiker die Differenz
zwischen der objektiven Realität des Anderen, seinem Eigen-Sinn, und der
eigenen Verstehensbemühung, dem Bild vom Anderen bzw. dem Verstehenshorizont,
unaufhebbar. Diesen komplexen Prozess lediglich als “zirkulär” zu bezeichnen
(vgl. Reich 1996:118; Siebert 1995:57), verweist zwar auf seine Komplexität,
trägt aber nur bedingt zu dessen Aufklärung bei.
Subjektwissenschaftliche Lerntheorie
(Holzkamp)
Die Frage,
wie Lernen zu beschreiben ist, thematisiert zugleich die nach den Bedingungen,
die Lernen verhindern. Nach Einschätzung des Psychologen Klaus Holzkamp lässt
gerade die Schule als historisch bedingte Institution die Lernkultur
verwahrlosen (Holzkamp 1995: 485). Mit dem Seziermesser “Schuldisziplin”
zerlegt er das institutionell verfaßte Lernen (ebd:348). Sein
Erkenntnisinteresse gilt der zentralen Frage: Wie lässt sich Lernen als
Aktivität des lernenden Subjekts beschreiben, als eine “Weise begründeten
menschlichen Handelns”? (ebd.:238.225).
Nach Holzkamp sind die Lebens- und
Lerninteressen der Hintergrund für die “emotional-motivationale Qualität von
Handlungsbegründungen” (ebd.:189). Ein solcherart begründetes Lernen zielt
darauf, die Welt verstehen zu wollen und über die eigenen und allgemeinen
Lebensbedingungen immer stärker verfügen zu können. Voraussetzung dafür ist,
dass das Subjekt einen inneren Zusammenhang zwischen wachsender Erkenntnis, dem
Gewinn von Handlungssicherheit und erhöhter Lebensqualität unmittelbar erfahren
bzw. antizipieren kann. Dieses vom Subjekt ausgehende Lernen nennt Holzkamp
“expansiv begründet”, um es abzugrenzen von einem “defensiv begründeten”
(ebd.:191), mit dem er vor allem schulisches Lernen kennzeichnet: Aus der
Perspektive des Schülers wird nach seiner Einschätzung vor allem gelernt, um
Beeinträchtigungen der Lebensqualität oder Bedrohung abzuwenden.
Lernen ist, wie Holzkamp betont,
eingebunden in einen emotional-motivationalen Handlungszusammenhang. Die Diskrepanz
zwischen dem Stand des Vorwissens bzw. Könnens und dem Lerngegenstand lässt
erfahrbar werden, dass es im Hinblick auf das zu Bewältigende mehr zu lernen
gibt, als dem Subjekt jetzt schon zugänglich ist (ebd.:212). Zu
einem Lernvorgang kommt es, wenn das Lernsubjekt Möglichkeiten sieht, die Behinderungen
und Widersprüche im Kontext der Handlung zu überwinden: Eine Handlungsproblematik
ist damit zu einer Lernproblematik geworden (ebd.:183). Von
“Lernsprüngen” spricht Holzkamp, wenn - ausgehend von Diskrepanzerfahrungen
“höherer Ordnung” - auf diese Weise ein neues Lernprinzip gewonnen wird.
Aus Subjektperspektive kann also nicht einfach von Lernfortschritten gesprochen
werden, die als Annäherung an einen Endzustand zu verstehen wären. Holzkamp
betont den Aktivitäts- und Prozeßcharakter, d.h. die “guten Gründe”, die das
Subjekt veranlassen, sich eine Lernproblematik zu eigen zu machen, nämlich mehr
von der Welt verstehen zu wollen und sich handelnd mit ihr auseinandersetzen zu
können (ebd.:243 ff.). Zu expansiven Lernaktivitäten gehört nach Holzkamp,
“dass ich im Zuge des Lernfortschritts mir selbst eine dem Inhalt der
Lernproblematik gemäße Struktur von Informationsmöglichkeiten und Quellen
aufbaue, die im weiteren eine sinnvolle Nutzbarmachung des jeweils bereits
Gelernten ermöglicht.” (ebd.:479).
Als eine wesentliche Voraussetzung
hierfür sieht Holzkamp die “Tiefenstruktur des Lerngegenstands” (ebd.:221 ff.).
Sie ermöglicht, dass zunächst verborgene Bedeutungen bei immer tieferem
Eindringen in die Materie erschlossen und verallgemeinert werden können: Das
Gelernte wird in umfassendere Bedeutungszusammenhänge eingegliedert (ebd.:489).
Dieser selbstorganisierte Vorgang der Verarbeitung geschieht einerseits in
bewusster - “definitiver” - Form: Die Dinge werden fixierend und identifizierend
wahrgenommen. Andererseits wirkt ein “affinitiver” Verarbeitungsmodus in der
Form, dass in dynamischer Weise mit übergreifenden “Verweisungsstrukturen”
(ebd.:324) gespielt wird.
Für das Erinnern und Verarbeiten
haben konkrete Fragestellungen eine wichtige Funktion: In einem
“Annäherungsprozess des Prüfens und Verwerfens” (ebd.:306) ermöglichen sie
einen erschließenden Zugang und lassen sich im Verlauf der Arbeit am Inhalt
immer genauer formulieren. Mittels solcher “fragenleitender” Strategien werden
immer größere Bedeutungszusammenhänge forschend erschlossen. Es bilden sich
geordnete Bedeutungsstrukturen, die ein sicheres Agieren im Umgang mit der
Außenwelt ermöglichen (ebd.:313). Das Subjekt gewinnt “Wahrnehmungs-präsenz”
(ebd.:307), wenn es ihm möglich erscheint, vor dem Hintergrund seiner
“körperlichen Situiertheit” (ebd.:253) sich selbst und andere wahrzunehmen,
seine Aufmerksamkeit bewußter zu lenken sowie Zeitlichkeit und
Geschichtlichkeit zu erfahren (ebd.:260 ff).
Vor diesem anthropologischen
Hintergrund konturiert Holzkamp schulisches Lernen als eine Aktivität,
die expansive Lernbedüfnisse überformt, zersetzt und in Frage stellt (ebd.:446
ff): Die historisch bedingte Institution Schule ist den Interessen der
Lernsubjekte entgegengesetzt, indem sie mittels Überwachungstechniken,
Prüfungen und normierenden Sanktionen Macht reproduziert. Mit Hilfe des
Bewertungssystems als zentraler strategischer Komponente wird die Rolle der
Schule als “Disziplinaranlage” gesichert. Im Rückgriff auf Foucaults Studien
zum historischen Wandel institutionell verkörperter Machtverhältnisse im 18.
und 19.Jahrhundert arbeitet Klaus Holzkamp den Gegensatz zwischen expansiv und
defensiv begründetem Lernen in aller Schärfe heraus. Unter der von ihm
verwandten heuristischen Perspektive “Schuldisziplin” erscheinen interpersonale
Verhältnisse eindeutig in der Dichotomie des Oben und Unten. Als Vertreter des
Machtapparats kann der Lehrer für Holzkamp schlechthin keine
Vertrauensperson sein. Seine soziale Rolle hat zwangsläufig Frontenbildung zur
Folge und setzt ihn immer wieder unter Druck, die Klasse “in den Griff zu
kriegen”. Er muss die Schüler auf Distanz halten, um die schuldisziplinäre
Asymmetrie stets aufs Neue zu bestätigen. Die für den Unterricht typische
Sequenz “Frage-Antwort-Bewertung” (ebd.:466) spiegelt dieses Machtgefälle.
Selbst die “Gegenstrategien” der Schüler, etwa die Bildung einer subversiven
Solidargemeinschaft oder Täuschungsversuche, werden als systemfunktional eingeschätzt
(ebd.:453 ff.). Der “bewertungsförmige Umgang”, die permanente Abrechnung des
Lernerfolgs hat die “strategische Funktion” (ebd.:459), das Selbsterleben der
Schüler zu prägen. Unter diesen Bedingungen ereignen sich expansive Lernphasen
lediglich “episodenhaft” und “unprogrammgemäß” (ebd.:494), etwa wenn der Lehrer
aus seiner Rolle fällt.
Wie ist Holzkamps Konzept
einzuordnen und zu bewerten? Viele Aspekte seiner Schulkritik erinnern an die
Diskussion um die “Entschulung der Gesellschaft”, die Anfang der 70er Jahre von
Ivan Illich (1972) angestoßen und etwa von Hartmut von Hentig (1971)
aufgegriffen wurde. So ist es nicht neu, Schule als totale Institution zu
beschreiben, die das Lernen korrumpiere bzw. durch Prüfungen Neugierverhalten
und Lernbereitschaft zerstöre. Das Originäre des Holzkampschen Ansatzes liegt
in der konsequenten Subjektperspektive, die dem Machtinteresse der Institution
entgegengesetzt wird. Dies macht seine Stärke aus - und begrenzt gleichzeitig
die Reichweite seiner Aussagen. Klaus Holzkamp zeichnet in Schwarz und Weiß, er
arbeitet mit Beispielen aus der weit zurückliegenden eigenen Schulerfahrung und
mit einem historisch überkommenen Bild von Schule, um für ihn Grundsätzliches
deutlich zu machen. Er trennt analytisch und zeigt fundamentale Widersprüche
auf, die in der pädagogischen Alltagsrealität meist verborgen bleiben. Seine
Kritik an einem “defensiv begründeten” schulischen Lernen macht deutlich, wie
stark die - wie Foucault (1978: 119 ff.) es ausdrückt - “Dispositive der Macht”
die schulischen Interaktionsformen präformieren. Sich dies zu vergegenwärtigen,
erscheint notwendig, um nicht Reformillusionen zu verfallen. Wer sich
allerdings von der Lektüre des umfangreichen Werks eine realitätsnahe
Problematisierung des komplexen Aneignungs-Geschehens erhoffte, der wird
enttäuscht. Lernen erscheint nicht als dynamischer - und häufig
widersprüchlicher, nichtlinearer - Prozeß, der sich aus dem Spannungsfeld
zwischen System und Subjekt, d.h. zwischen den Ansprüchen der Institution, den
eigenen Vorstellungen und denen der anderen Subjekte entwickelt.
Problematisch an Holzkamps
analytischem Zugang erscheint jedoch vor allem, dass unter der Hand das Bild
eines idealisierten Subjekts entsteht, dessen eigentliche und natürliche
Lerninteressen von einer anonymen äußeren Macht unterdrückt werden. Dieses
Bild reproduziert in undialektischer Weise die überkommene Dichotomisierung von
Natur und Kultur, - als ob sich Lerninteressen und Subjekthaftigkeit entwickeln
könnten, ohne selbst gesellschaftlich vermittelt zu sein. Damit entsteht der
Eindruck, Holzkamps Konzept gründe auf der reformpädagogischen Annahme,
Subjekthaftigkeit entwickle sich vorwiegend, indem die im Subjekt schlummernden
Kräfte freigesetzt werden, nachdem blockierende Gegenkräfte beseitigt sind.
Dass Subjekthaftigkeit auch in Auseinandersetzung mit der Institution
entwickelt werden kann, und zwar sowohl auf Schüler- wie auf Lehrerseite,
bleibt bei Holzkamp unberücksichtigt.
Daran lässt sich ein weiterer
Kritikpunkt anschließen: Indem Holzkamp ausschließlich den disziplinierenden
und deformierenden Charakter der Schule betont, erscheint es nicht
möglich, gleichzeitig ihre möglichen persönlichkeits-formierenden Wirkungen
in den Blick zu bekommen. Auf dem Hintergrund meiner eigenen Schulerfahrungen
als Lehrer gehe ich davon aus, dass viele Schüler heute weniger unter dem Druck
der Institution leiden als unter erzwungenen Freiheiten: Dementsprechend
erwarten sie häufig von den Lehrern Grenzsetzungen als Orientierungshilfe: Rituale,
vereinbarte und institutionell abgesicherte Regeln des Zusammenlebens sowie
Leistungserwartungen werden in der schulischen Praxis auch als Widerstände und
damit als Lerngelegenheiten erlebt, d.h. als Chance, um im Prozess der
Auseinandersetzung mit ihnen eigene Grenzen zu erfahren.
Bildung
als Subjektentwicklung (Meueler / Scherr)
Zeitgleich
mit Holzkamps subjektwissenschaftlicher Lerntheorie erschien Erhard Meuelers
Konzept einer subjektorientierten Erwachsenenbildung (1993). Die “Türen des
Käfigs” (Titel), die es zu öffnen gilt, stehen für das Bemühen, “sich aus der
Situation des immer schon der äußeren Natur, der inneren Triebdynamik und der
sozialen Welt Unterlegenen zu befreien. Niemand von uns kann über seine
Lebensumstände beliebig verfügen, aber wir sind frei, diese Begrenzungen zu
erkennen, um - stets Objekt und Subjekt zugleich - die Subjektanteile zu
vermehren und zu erweitern” (ebd.:8). Die Zwänge des (Welt)Marktes lassen
ebenso wie die Abhängigkeiten von der Natur und der sozialen Welt den Menschen
als “subiectum”, als Unterworfenen, erscheinen, - Erfahrungen, die in den Leib
eingeschrieben sind (ebd.:77 ff.). Gleichzeitig aber widersetzt er sich diesen
entfremdenden Bedingungen: “Die Freiheit, die er sich handelnd nimmt, (..) ist
Ergebnis seiner Selbstreflexivität und der sie bestimmenden Bildung” (ebd.:81).
Vor diesem Hintergrund entwickelt Meueler einen Subjektbegriff, dessen
wesentliches Kennzeichen die “schöpferische Kraft des einzelnen (ist), der
seine Subjekthaftigkeit kämpferisch aus der Position totaler Vergesellschaftung
heraus entwickelt” (ebd.:86). Gleichzeitig aber ist diese Subjekthaftigkeit an
“Beziehungsfähigkeit”, “solidarische Wertschätzung” und “Offenheit für fremdes
Leid” gebunden (ebd.:8). Subjekthaftigkeit wird damit zum “Deutungsmuster
gelingenden Lebens” (ebd.:123).
Die Darstellung der
philosophiegeschichtlichen Diskurse zum Subjektbegriff bildet den Hintergrund,
vor dem die Figur eines Bildungskonzepts entsteht, dessen Doppelcharakter
historisch wie auch bildungstheoretisch stets präsent war: Einerseits steht
Bildung für die marktgerechte Qualifizierung, andererseits wird der Begriff
seit der Aufklärung “als Selbstdenken,
Selbstbestimmung, als Selbstaneignung diskutiert” und steht “gegen die pure
Verzweckung der Person im Arbeitsalltag, gegen die Beschränkung auf funktionale
Subjektivität” (ebd.:156.154). Indem “Bildung als Subjektentwicklung”
(ebd.:151) verstanden wird, bekommen die Begriffe “Aneignung” und “Entwicklung”
eine erkenntnisleitende Funktion: Entwicklung von Subjekthaftigkeit beinhaltet
dann die “Veränderung und Erweiterung von Fähigkeiten, Wünschen, Ideen,
Erfahrungen, Einsichten, Wissen und Kreativität” (ebd.:123) ebenso wie die
“Kritik an Normen und Gewohnheiten, die in ihrem politischen Zusammenhang
reflektiert werden.(..) Indem es sich selbst zu konstituieren lernt, lernt es
politisch, nicht mehr Untertan zu sein.” (ebd.:111). Die Widerständigkeit der
Realität wie auch subjektive Krisenerfahrungen werden für das lernende Subjekt
zu Bedingungen einer Beschäftigung mit zu entwickelnden Fähigkeiten. Wenn
Ohnmachtsgefühle wahrgenommen, ausformuliert und die eigene Position im
Geflecht gesellschaftlicher Krisen definiert werden, findet politisches Lernen
statt (ebd.:160).
Mit dem Begriff der Aneignung
bezeichnet Meueler die Aktivität eines Lernenden, der zwischen sich und einem
Gegenstand eine Beziehung herstellt, d.h. durch vielfältige Modi der Annäherung
und des Tätigwerdens sich dieses Objekt zu eigen macht. “Lernen ist nicht
einfach nur der wechselseitige Prozess von Übernahme und Anpassung, sondern ein
aktives Neuproduzieren von Verarbeitungsmustern und Ergebnis” (ebd.:119).
Meueler grenzt sich vom
herkömmlichen Konzept der “Teilnehmer-orientierung” ab, weil darin einerseits
nur die Perspektive des planenden Lehrers zum Ausdruck kommt, andererseits die
notwendigen Zumutungen von Selbsttätigkeit, Selbstständigkeit und Verantwortung
für das eigene Lernen wie auch für die Arbeitsfortschritte in der Gruppe nicht
erfassbar werden (ebd.:194). “Der Erwachsenenlehrer schuldet seinem Gegenüber
Aufgaben. Er produziert sachliche Zumutungen, Provokationen, legt Sprengsätze
an, fordert heraus, mit Wörtern ebenso wie mit seinem Sozialverhalten, mit
aktivem oder passivem Verhalten. Der Erwachsenenlehrer erzeugt ein Spannungsgefüge,
indem er kräftige Anforderungen stellt” (ebd.:213) und die “Kunst der
Begleitung” entwickelt (ebd.:223).
Albert
Scherr sieht in der Unterstützung der Heranwachsenden im Prozess ihrer
Subjektwerdung die zentrale Aufgabe einer “subjektorientierten Jugendarbeit”
(Scherr 1997:45). Sein Konzept ähnelt in seinen bildungstheoretischen
Begründungen dem von Erhard Meueler. Für unseren Diskussionszusammenhang einer
möglichen Übertragbarkeit des Konzepts subjektorientierten Lernens auf die
Schule scheinen zunächst Scherrs Überlegungen zum Verstehensprozess von
Bedeutung zu sein: Treten uns doch mit Jugendlichen Menschen gegenüber, deren
Verhaltensweisen oder ästhetische Ausdrucksformen uns tendenziell fremd
erscheinen. Scherr fordert dazu auf, Jugendliche unter der Perspektive zu
betrachten und zu “verstehen”, was in ihrem Handeln und in ihren Äußerungen an
Annahmen über ihre Fähigkeiten und Unfähigkeiten zur Sprache kommt: “Was trauen
sie sich an Fähigkeiten zu und was nicht, wo sehen sie die Grenzen ihrer Möglichkeiten
und welche typischen Erfahrungen des Gelingens und Scheiterns, welches auch für
ihre Eltern und Freunde selbstverständliche Vorwissen über das was ‘unsereiner’
kann, liegt dem zugrunde?” (ebd.:124 f.). Unter der Zielperspektive,
“Erfahrungen der Kompetenz, eigener Stärken und Fähigkeiten zu ermöglichen” -
als “Gegen-erfahrungen zu ihnen zugemuteten Ohnmachtserfahrungen” - heißt Verstehen,
solche Zusammenhänge zu entschlüsseln bzw. die Ausdrucksformen auf die
zugrundeliegenden Erfahrungen, Lebensentwürfe, Hoffnungen, Ängste und
Überzeugungen hin zu beziehen (ebd.:131). Scherr betont den Zusammenhang von
Selbstachtung und sozialer Anerkennung und fordert, eine Sensibilität dafür zu
entwickeln, dass “in dem, was Jugendliche jeweils konkret tun, der Möglichkeit
nach immer das Problem der Anerkennung des ganzen Lebensentwurfs aufgeworfen
ist.” (ebd.:54).
Zu den wesentlichen Zielperspektiven
einer subjektorientierten Jugendarbeit gehört nach Scherr die Entwicklung eines
selbstbewussten und selbstbestimmten Lebens. Selbstbewusstsein bedeutet
die Klärung vorreflexiver Bewusstseinsformen zugunsten eines bewussten,
sprachlich fassbaren Wissens (ebd.: 54 f.). Mit dem Begriff der Selbstbestimmung
fasst Scherr nicht nur die Möglichkeit einer aktiven Teilhabe und bewussten
Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen, sondern auch die Verfügbarkeit
über Sprachen und Medien, in denen Erlebnisse, Wünsche, Hoffnungen und Ängste
artikuliert werden können (ebd.:58). Mit Bezug auf Krafeld sieht Scherr die Erfahrungsproduktion
als genuine Aufgabe der politischen und kulturellen Jugendarbeit. D.h. es
geht nicht (primär) darum Wissen zu vermitteln, sondern solche Formen des
Realitätserlebens, der Reflexion und der Artikulation zu ermöglichen, mittels
derer Orientierung für die eigene Lebensbewältigung gewonnen werden kann
(ebd.:161).
Die Differenz zwischen
Jugendbildungsarbeit und Schule konturiert Scherr mit klaren Worten: In der
außerschulischen Bildungsarbeit können Angebote freiwilligen unzensierten
Lernens gemacht und damit emanzipatorische Lernprozesse ermöglicht werden, - im
Gegensatz zur “Zwangs- und Selektionsinstanz Schule” (ebd.:158).
Bei der Diskussion
einer Übertragbarkeit des Konzepts des subjektorientierten Lernens aus der
Jugend- und Erwachsenenbildung in die Schule gilt es sicherlich das Kriterium
der Freiwilligkeit des Lernens zu berücksichtigen. Andererseits hieße es ein
überkommenes und undifferenziertes Bild von Schule zeichnen, wenn man sie - wie
etwa Klaus Holzkamp im Anschluss an Foucaults Studien zur Kulturgeschichte der
Disziplinierung - primär aus der Perspektive ihres historisch bedingten und
institutionell abgesicherten Zwangscharakters betrachten würde. Möglicherweise
bietet gerade die institutionelle Absicherung des Lernens Handlungsspielräume
für subjektorientiertes Lehren und Lernen. Wenn Scherr für die politische
Jugendbildungsarbeit zugunsten einer starken Subjektorientierung eine
Unabhängigkeit von den Interessen der Institutionen fordert, in deren Rahmen
sie stattfindet, so dürfte dies u.U. schwieriger zu realisieren sein als in der
Schule. Denn vermutlich wird - etwa in Teilbereichen kirchlicher Jugendbildung
- eine Abweichung vom jeweiligen normativen Politikkonzept schneller und
stärker sanktioniert als in der staatlichen Institution Schule. Ähnliches gilt
für das Freiwilligkeitsprinzip: Jugendbildungsarbeiter könnten, um ihre
Klientel nicht zu verlieren, eher solche Angebote bevorzugen, die den
erlebnisbetonten “Interessen” der Jugendlichen entgegenkommen, womit das von
Scherr geforderte “Nachdenken über das Politische” (ebd.:159) in seinen
Ansätzen steckenbliebe.
Festzuhalten bleibt,
dass ein Konzept subjektorientierten Lehrens und Lernens, bei dem die Arbeit an
der Widerständigkeit der Dinge als Voraussetzung von Subjektentwicklung
verstanden wird, für den auf Schule bezogenen didaktischen Diskurs interessante
Anknüpfungspunkte bietet. Gelingt es damit doch zum einen, Subjekthandeln und
gesellschaftliche Bezüge als dialektisch aufeinander bezogen zu reflektieren,
zum zweiten aus der Perspektive des lernenden Subjekts Lernen als Aktivität der
Aneignung von Lerngegenständen zu verstehen. Das dichotomisierende
Paradigma “Institution vs. Subjekt” kann überwunden werden, wenn die Arbeit an
Strukturen und einengenden Bedingungen - in der Gesellschaft, in der Schule wie
auch in persönlichen Beziehungen - als Lerngelegenheit und Herausforderung
verstanden wird.
Subjektorientierung
in der Politischen Bildung / Hoppe
Mit der Darstellung des folgenden
Konzepts wird ein fachdidaktischer Ansatz vorgestellt, in dem die lange
Tradition des Prinzips “Schüler-/Subjektorientierung” aufgearbeitet wird.
Können sich Jugendliche als handlungsfähig und verantwortlich erfahren? Dies
“hängt wesentlich davon ab, ob sie ihr Leben und ihre Umwelt als gestaltbar begreifen
oder ob sie sich umgekehrt als durch fremde Mächte und Anforderungen
manipuliert erfahren” (Hoppe 1996:90). Diese Erkenntnis scheint einer der
Kernsätze zu sein, von dem aus Heidrun Hoppe ihr Konzept eines
subjektorientierten Lernens begründet und entwirft.
In einem ersten Teil
werden - ausgehend vom Begriff der Individualisierung - die Risiken und Chancen
einer Gestaltung des eigenen Lebens erörtert: Der “Wunsch, den Lebensentwurf
kunstvoll zu gestalten” korrespondiert mit dem Bewusstsein seiner
Zerbrechlichkeit. Das Handeln erscheint dem einzelnen zunehmend als Folge
persönlicher In-/Kompetenz, umgekehrt werden gesellschaftliche Bedingungen
tendenziell personalisiert. Ob Individualisierung als Erweiterung von Wahl- und
Entscheidungsmöglichkeiten oder als Überforderung und bedrohliches Risiko
wahrgenommen wird, erscheint als Frage der persönlichen Ressourcen.
Gleichzeitig ist das zentrale Erziehungsmuster der Moderne, nach dem im
Hinblick auf künftige Belohnungen aktuelle Bedürfnisse aufzuschieben sind,
brüchig geworden (ebd.:65 ff.).
Schule
erweist sich als unfähig, auf diesen Erfahrungsmodus didaktisch angemessen zu
reagieren. Ein bedeutender Grund dafür liegt nach Hoppe in der Kluft zwischen
dem fachdidaktischen Diskurs und der realen Unterrichtspraxis: “Was fehlt, sind
praktikable und theoretisch abgesicherte Angebote ‘mittlerer Reichweite’, die
Lehrer darin unterstützen, verschiedene unterrichtliche Varianten zu entdecken
und zu erproben, um sie dann situationsspezifisch kombinieren zu können” (ebd.
S.225 f.). Mit der Perspektive der Personorientierung erscheint es nach Hoppe
möglich, diese Kluft zu überbrücken: Nicht nur die Subjektbedingungen des
Lehrens und Lernens kommen ins Blickfeld, sondern auch die
handlungsaktivierenden Seiten der Politischen Bildung (ebd.:243). Das Vertrauen
in eigene Erkenntnis-, Bewertungs- und Handlungsfähigkeiten wird zur Grundlage
eines Lernens im Sinne eines “beteiligungsorientierten Demokratieverständnisses”
(ebd.:252.259).
Interessant erscheint der
geschlechtsspezifische Diskurs als Begründungskontext für diesen Ansatz, der
einen breiten Raum in dieser Arbeit einnimmt (ebd.:99-180). Ein personbezogener
Zugriff auf politische Inhalte, so Hoppe, leistet einen Beitrag zur
Gleichberechtigung der Geschlechter, sofern bislang abgespaltene Kompetenzen
von Mädchen und Frauen aufgewertet werden (ebd.:99). Naturzerstörenden,
autoritären und frauenverachtenden Kulturen sowie macht- und
konkurrenzorientierten Politikformen wird eine alternative Weltsicht
gegenübergestellt (ebd.:169), was letztlich beiden Geschlechtern ermöglicht,
bislang vernachlässigte Perspektiven der Lebenserfahrung zu entwerfen
(ebd.:172).
“Politik in
Lebensgeschichten - sich im Anderen erkennen können”. Diese Überschrift
(ebd.:299) steht programmatisch für Hoppes Ansatz. Das Fallprinzip ermöglicht,
das erzählende Individuum in seinem gesellschaftlichen und lebensweltlichen
Kontext zu sehen (ebd.:268 ff.): Dass gesellschaftliche Strukturen und Deutungsmuster
Ergebnis menschlicher Interessen sind, wird deutlich, wenn danach gefragt wird,
wie Denk- und Verhaltensmuster durch gesellschaftliche Strukturen geprägt
werden und welche Strategien der Veränderung die Individuen angesichts dieser
Verhältnisse entwickelt haben. Vor dem “lebendigen Hintergrund gelebter
Erfahrung” (ebd.:311) erscheint es Schülerinnen und Schülern möglich, das
eigene Leben zu reflektieren und (politisches) Lernen als Suchprozess zu
gestalten.
“Subjektorientierung” wird von Hoppe zunächst soziologisch
bestimmt, wobei der Begriff in der Tradition Karl Mannheims im Gegensatz zu
“strukturanalytischen” Perspektiven gesehen wird: Das denkende und handelnde
Individuum steht im Mittelpunkt, “um so vom Individuum aus, von seinen Denkformen
und Handlungsstrukturen zur Gesellschaftsanalyse vorzustoßen” (ebd.:268).
Im weiteren Verlauf
der Arbeit wird deutlich, dass “subjektorientierte politische Bildung” im
Kontext der Biografieforschung entfaltet wird. Vor diesem Hintergrund
ist naheliegend, dass sich die Subjekte, an denen sich die (Fach-)Didaktik
orientieren soll, primär auf der Seite der Lernobjekte bzw. -gegenstände
befinden. Wissenschaftstheoretisch betrachtet, fällt es aus dieser Perspektive
schwer, Lernen konsequent als Aktivität der Subjekte (vgl. Holzkamp 1995:225)
und den biografischen Prozess dieser Organisation von Erfahrungen im Sinne
einer “Bildung als Subjektentwicklung” (Meueler 1993:151) zu verstehen. Vor dem
Hintergrund der Analyse veränderter Formen der Selbst- und Weltwahrnehmung der
Jugendlichen (Hoppe 1996:23 ff.) und angesichts geschlechtsspezifisch
unterschiedlicher Modi der Erfahrungsverarbeitung (ebd.:99 ff.) könnte dann
danach gefragt werde, inwiefern die SchülerInnen als die lernenden Subjekte
darin unterstützt werden könnten, “Subjekthaftigkeit” zu entwickeln und als
“Deutungsmuster gelingenden Lebens” (Meueler) zu bewerten.
Der fachdidaktische
Ansatz Heidrun Hoppes eröffnet die Perspektive, das Denken und Handeln von
konkreten Personen als den gesellschaftlichen Verhältnissen unterworfen zu
verstehen, andererseits die Subjekte als Gestalter dieser Welt(en) aufzuwerten.
Eine Personzentrierung, wie Heidrun Hoppe sie vorschlägt, bietet Widerstände
und Fremdheiten, die der Dynamik der Subjektentwicklung der Schüler-Innen
entsprechen: Konkrete Personen sind widersprüchliche, zerbrechliche und
uneindeutige Wesen, ihr Denken und Handeln ist durchdrungen von befremdlich
erscheinenden Ungleichzeitigkeiten. Eine genaue Beschäftigung mit ihnen lässt
unter der Oberfläche des Scheins unhinterfragte Alltagsroutinen ebenso deutlich
werden wie Fremdheitserfahrungen. Je näher man an sie herangeht, desto
frag-würdiger werden die gewohnten, Eindeutigkeit suggerierenden Bilder vom
Anderen. Wenn wir vor diesem Hintergrund fragen, warum die Beschäftigung mit
Biografien auf verstärktes Interesse auf Seiten der Lernenden stößt, könnte man
vermuten, dass es gerade die Widersprüchlichkeit der Personen ist, die die
Aufmerksamkeit bindet und fasziniert. Helden erscheinen demgegenüber als langweilig,
weil allzu widerspruchsfrei. Wenn Heidrun Hoppe schreibt: “Eine wichtige
Bedingung für persönlichkeitsrelevantes Lernen kann wohl am ehesten dann
zustandekommen, wenn eine persönliche Verbindung zwischen der eigenen Person
und dem Lerngegenstand entsteht, so dass sich der Schüler bzw. die Schülerin
auf den Gegenstand einlassen, zu ihm in Beziehung treten und sich ihn aneignen
kann” (ebd.:260), so kann also ergänzt werden: Persönlich bedeutsam wird
Lernen, wenn LehrerInnen den Lernweg so gestalten, dass dosierte Irritationen
und Fremdheitserfahrungen es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, an
ihren Konzepten der Selbst- und Weltwahrnehmung zu arbeiten.
Biografiearbeit als kreatives
Projekt (Stiller)
“Systemisch-konstruktivistisches
Denken” und “Subjektorientierung” sind wesentliche Dimensionen in Edwin
Stillers Konzept einer “dialogischen Fachdidaktik” für das Unterrichtsfach
Pädagogik[2].
Konzeptionell stützt er sich dabei vor allem auf Meueler (Stiller 1997:30 ff.),
integriert das “systemische” Konzept des Lehr-Lern-Prozesses (vgl. Kösel 1995),
er verweist jedoch auch auf Erik Adams historisch-systematische Aufarbeitung
des Subjektbegriffs in der Didaktik (Adam 1988). Subjektorientierung bedeutet
für Stiller v.a. eine radikal erweiterte Schülerzentrierung: Gestärkt werden
soll im Unterricht die Subjektrolle, und der “Raum für individualisierte
Lernprozesse [soll] vergrößert werden” (Stiller 1997:37). Originell an seinem
Konzept ist vor allem die Verknüpfung dieses didaktischen Prinzips mit
methodischen Ansätzen bzw. Vorschlägen, denn zeitgleich mit diesem
fachdidaktischen Konzept erschien sein Unterrichtswerk “Phoenix” (Dörlöchter
u.a.1997), das eine Fülle von Materialien und methodischen Vorschlägen zum
biografischen Lernen enthält.
Biografisches Lernen als “Wege zum
Ich” (Stiller 1997:80) bezieht sich gemäß den Zielsetzungen des
Pädagogikunterrichts in NRW vor allem auf die Rekonstruktion des eigenen
Lebenslaufs unter einer thematischen Perspektive, gleichzeitig aber auf die
Arbeit mit Fremdbiografien. Eine Vielzahl von Übungsvorschlägen v.a. aus den
Bereichen des Kreativen Schreibens, der Gestalt- und der Interaktionspädagogik
soll es den Lernenden ermöglichen, bewusster wahrzunehmen, zu analysieren und
zu deuten, um in zwischenmenschlichen Situationen sowie in der Erziehungspraxis
Selbst- und Fremdwahrnehmung dialektisch aufeinander beziehen zu können.
Stiller betont damit eine aktiv forschende Form des Lernens (ebd.:82 ff.):
Wahrnehmen, Deuten, Beurteilen und Handeln sollten prozesshaft und
“kreativ-gestalterisch” organisiert werden (ebd.:84 f.). Kreative Methoden im
Rahmen der Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Biografien dienen also
der Arbeit an und mit Deutungsmöglichkeiten gelingenden Lebens, sie sind
funktional auf das Ziel bezogen, Wege zur “denkenden Erfahrung” (Dewey; zit.b.
Stiller 1997:78) zu finden.
War Biografiearbeit bislang v.a.
eine Domäne der Erwachsenenbildung bzw. der außerschulischen Bildungsarbeit
(vgl. Buschmeyer/Behrens-Cobet 1990), so gelingt Stiller die didaktische
Umsetzung “subjektorientierten Lernens” insbesondere durch die methodische
Konkretisierung: Lernen und Subjektarbeit erscheinen als dialektischer Prozess,
bei dem die Arbeit an der Sache und an der eigenen (Identitäts-)Entwicklung
miteinander verschränkt werden.
“Subjektive
Didaktik” /Kösel
Von einem
“Paradigmenwechsel in der Didaktik” spricht Edmund Kösel bei seinem Entwurf
einer “Subjektiven Didaktik”, in der die “subjektiven Theorien von Lehrern und
Schülern” zusammengeführt und im Sinne einer systemischen “Ko-Evolution”
konzeptionell erfasst werden sollen (Kösel 1995:4). Das Subjekt ist für Kösel
“in seiner Welt als geschlossenes, autonomes Sytem zu begreifen”, ein
“Bezugspunkt, auf den hin alle ‘objektiven’ Gegebenheiten relativiert werden”
(ebd.:68). Ausgehend von systemtheoretischen und konstruktivistischen Theorien
werden v.a. das Neurolinguistische Programmieren (NLP), die
Transaktionsanalyse, das Psychodrama (Moreno), die Themenzentrierte Interaktion
(Cohn) sowie gestalt- und interaktions-pädagogische Ansätze zu integrieren
versucht. Kösel nennt diese “ganzheitlichen Konzepte vom Menschen” als
“Findetheorien” für didaktisches Handeln (ebd.:71); sie ermöglichen Antworten
auf die Frage, wie wir wahrnehmen, handeln und uns verständigen, d.h.
selbstorganisiert lernen. In Anlehung an Ruth Cohns TZI-Modell mit den
Dimensionen ICH, WIR und THEMA entwirft Kösel eine “Didaktische Spirale”
(ebd.:165 ff.) und didaktische Prinzipien (ebd.:190 ff.), mit deren Hilfe ein
interaktions- und verständigungsorientiertes Lernen von allen am
Lehr-Lern-Prozess Beteiligten gestaltet bzw. “Lernwelten modelliert” werden
sollen. Da im Anschluss an den Konstruktivismus keine Wahrheitsbehauptungen
mehr möglich sind, gelte es “verstehen [zu] lernen, wie Menschen sich ihre
eigene Gestalt geben, und [zu] lernen, wie Menschen ihre eigene Lern-Chreode
entwickeln” (ebd.:251).
Kösels Konzept liegt also der
Gedanke zugrunde, ein Lernen zu ermöglichen, das den vielfältigen Formen der
Aneignung und Erfahrungsbildung angepasst ist. Doch aufgrund seiner einseitigen
Personzentrierung erscheint es nicht möglich, die Subjektdimension mit
gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen zu vermitteln. Begriffe wie
“Unterdrückung des Lebendigen” oder “Versündigung an den jungen Seelen der
Kinder” (ebd.:2o f.) lassen eine aus der Reformpädagogik bekannte
subjektivistische Verengung erkennen, in der ein Lernen, das durch Krisen und
(innere wie äußere) Widerstände seine Dynamik erhält, ebenso wenig denkbar
erscheint wie ein Prozessmodell, in dem Aneignung und Erfahrungsbildung als
aktive und gesellschaftlich vermittelte Suchbewegung erkennbar wird. Eine
Fokussierung auf die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung im Sinne einer
“Selbstverwirklichungs-Lernkultur” (ebd.:354), der Methoden des Sich-Entfaltens
und Wachsen-Lassens entsprechen (vgl. ebd.:70), scheint die realen
Krisenerfahrungen und Verunsicherungen zu verkennen, mit denen sich Lernende
innerhalb und außerhalb der Schule tagtäglich auseinandersetzen (müssen).
Kösels Ausführungen zur “Chreoden-Analyse” (S.250 ff.) lassen die Vermutung
entstehen, dass vor allem solches Lernen gelungen erscheint, bei dem der
Lernende widerspruchsfrei - und “weich” - den vom Lehrenden vorgegebenen
Lernweg beschreiten kann. Bestätigt wird die Vermutung etwa durch die
Formulierung, “die Hauptaufgabe einer subjektiv angelegten Didaktik [ist], die
möglichen Adaptionen, Driftbereiche und passfähigen Konstruktionen herauszufinden,
die die Störungen bei Lernenden und Lehrenden abbauen können oder erst gar
nicht aufkommen lassen” (ebd.:216). Abgesehen von einer über weite Strecken
hermetischen Terminologie, deren Anschlussfähigkeit an den didaktischen Diskurs
fraglich erscheint, liegt Kösels Lern- und Aneignungskonzept offenbar ein
Harmoniemodell zugrunde, das nur um den Preis einer Ausklammerung der
Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Widersprüchen aufrecht erhalten
werden kann.
“Persönlich
bedeutsames Lernen”: Gestaltung innerer und äußerer Grenzen
Ein Diskurs
zum subjektorientierten Lernen wäre unvollständig, wenn nicht die vielfältigen
Ansätze aus dem Bereich der Gestaltpädagogik berücksichtigt würden[3].
In diesem Kontext hat etwa Jörg Bürmann ein Konzept des “persönlich bedeutsamen
Lernens” entwickelt, dessen Kennzeichen das “innere Beteiligtsein” sowie eine
“situationsübergreifende Bezogenheit des Erlebens auf den Lebenslauf als
Ganzen” sind (1992:41). Der gestaltpsychologische Leitbegriff des “Kontakts”
spielt bei Bürmann - wie auch bei allen anderen AutorInnen - eine zentrale
Rolle. Stellvertretend soll im folgenden das Konzept von Heinrich Dauber
(1997a/b) vorgestellt werden, zumal in diesem jüngsten Entwurf der
gestaltpsychologisch begründeten Didaktik explizit der gesellschaftliche
Kontext nicht zugunsten einer Subjektzentrierung verkürzt erscheint: Was Ruth
Cohn (1997) in ihrem TZI-Modell als “globe” bezeichnet, die institutionell wie
historisch-gesellschaftlich bedingten Rahmenbedingungen einer Lernsituation,
wird nicht subjektivistisch verkürzt, sondern zur herausfordernden
Lerngelegenheit. So skizziert Dauber als “Lernfelder der Zukunft” (1997b) etwa
“Globale Entwicklung als persönliche und kulturelle Verwicklung”, die
“Eine-Welt”-Bewegung bzw. “Interkulturelles Lernen” oder betont die
Notwendigkeit der “Neuen Sozialen Bewegungen”. Die gestaltpädagogische Begriffe
des “Kontakts” und der “Bezogenheit” werden damit gesellschaftspolitisch
begründet.
Konstruktivistische
Entwicklungskonzepte, die Leibgebundenheit von Wahrnehmung und Erkenntnis, die
anthropologischen Annahmen der Gestaltpsychologie und der Feldtheorie stellt
Dauber als Grundlagen des von ihm “Humanistische Pädagogik” genannten Ansatzes
dar (1997a:63 ff.). Psychodrama, Gestalttherapie, Themenzentrierte Interaktion,
nicht-direktive Gesprächstherapie / Pädagogik sowie Integrative Konzepte von
Lehren und Lernen nennt Dauber als die wichtigsten Hauptrichtungen dieser
Pädagogik, deren “Traditionslinien” ein vielfältiges Geflecht wechselseitig
sich beeinflussender Ansätze darstellt (1997a:162 ff.). Den Fokus sieht Dauber
in der Entwicklung eines “integrativen” Lehrens und Lernens “als Bewusstwerdung
und Gestaltung nicht entfremdeter und nicht ausbeuterischer Beziehungen
- zwischen
den Menschen in der EINEN Welt (die globale Herausforderung),
- zwischen
Menschen und ihrer natürlichen Umwelt (die ökologische Herausforderung) und
- in ihrem
Verhältnis untereinander (die Herausforderung des Friedens).” (1997a:182)
Die Nähe zur Gestaltpsychologie
bzw. Daubers zahlreiche Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung lassen eine
Klärung der gemeinsamen und der unterschiedlichen Aufgabenbereiche von Therapie
und Pädagogik zwingend notwendig erscheinen. Dauber unterscheidet im letzten
Teil seiner Arbeit zwischen einer “übungszentriert-funktionalen”(1.), einer
“erlebniszentriert-agogischen”(2.) und einer “konfliktzentriert-aufdeckenden Ebene”(3.):
Keine prinzipiellen Unterschiede zwischen therapeutischer und pädagogischer
Arbeit sieht er auf der ersten und der zweiten Ebene, in der “Offenheit der
Wahrnehmung” und “Gewahrsein” (1.) sowie körperliche und emotionale
Ausdrucksformen entwickelt bzw. “Kraft- und Energiepotentiale” entdeckt werden
sollen (2.), etwa über Fantasiereisen oder bildnerisches Gestalten. Erst jetzt
unterscheiden sich pädagogische und therapeutische Vorgehensweisen:
Pädagogische Arbeit ist an Themen und Bildungsinhalten orientiert, während es
in der Therapie um die Bewusstwerdung und Aufarbeitung biografischer
Erinnerungen und Erfahrungen geht. In beiden Fällen sollte ein Vertrag
geschlossen werden, in dem die Vereinbarungen über Ziele, Dauer und
Verantwortlichkeiten der gemeinsamen Arbeit festgelegt werden. Der Lehrer hat
die Aufgabe, “zu ermutigen, sich dem Konflikt und dem damit verbundenen Problem
zu stellen; Suchprozesse zu unterstützen und zu erleichtern; bei vorschnellen
Scheinlösungen konfrontierend zu intervenieren”. Lehren wird damit “zu einem
schöpferischen, dramaturgischen Prozess”(1997a:198).
Interessant erscheint bei den
vielfältigen Ansätze der Gestaltpädagogik, dass damit ein breites Spektrum von
Möglichkeiten einer kreativen Gestaltung des Lehr-Lern-Prozesses eröffnet
wurde: Mittels der Schlüsselkategorie des “Kontakts” sowohl zu den Dingen und
Menschen in der Außenwelt als auch zu den inneren Bildern und unbewussten
“Gestalten” wird es möglich, Selbst- und Weltwahrnehmung als dialektisch
aufeinander bezogen zu denken bzw. Lernen als aktiven, gesellschaftlich und
persönlich bedeutsamen Suchprozess zu gestalten.
Ein
Experimentieren mit neuen Lehr-Lern-Formen scheint, wie die Erfahrung
zeigt, auch den Lehrpersonen ein hohes
Maß an Motivation zu verschaffen, nach neuen Methoden für den Unterricht zu
suchen. Sicherlich darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, dass diese zu
“didaktischen Wundermitteln” (Terhart 1997:43) gegen eine Belehrungskultur
hochstilisiert werden. Problematischer jedoch scheint zu sein, dass derartige -
erklärtermaßen - “sanfte”, “bio-logische” und lustbetonte Methoden nur selten
auf ein didaktisches Konzept bezogen sind, in dessen Kontext sie mit der
reflexiven Arbeit vermittelt werden.
In diesem Kontext stellt sich die
für didaktisches Handeln grundsätzliche Frage, inwiefern den
Wahrnehmungsgewohnheiten der SchülerInnen “entgegen-gekommen” wird, etwa in Form erlebnisorientierter
Lernformen, oder in welcher Weise Schule gerade “Reibungsflächen” bieten soll,
an deren man sich abarbeiten kann. Thomas Ziehe schreibt: “Eine Pragmatisierung
der Inhalte, eine Informalisierung der Umgangsweisen, eine Subjektivierung der
Selbstwahrnehmung - dies alles wäre heutzutage nichts anderes als eine
Fortsetzung von jugendlichen Lebenswelten und von üblicher Alltagskultur auf
schulischem Terrain. Wer Öffnung von Schule so versteht, der ist geradezu in
Gefahr, etwas zu verschließen, nämlich die Möglichkeit, aus der Differenz zu
den Schülern und aus der Differenz
zur Alltagskultur neue und auch subjektiv bedeutsame Gegenerfahrungen
eröffnen zu können” (Ziehe 1996:38).
Angesichts einer zunehmenden
Ästhetisierung der Alltagswelt, einer Dominanz der Bilder und veränderter
Formen der Selbst- und Weltwahrnehmung muss das Verhältnis zwischen
vorwissenschaftlichen Erfahrungsweisen und rationaler Erkenntnisgewinnung neu
überdacht werden. Subjektorientierung kann nicht so verstanden werden, dass die
Lerngegenstände mundgerechter und “leichter verdaulich” gemacht werden -
entsprechend dem Bild, das Lehrpersonen sich von Schülerinteressen machen.
Allerdings verbietet sich bei der Suche nach neuen didaktischen Perspektiven in
gleicher Weise ein Ausblenden der emotionalen und ästhetischen Dimensionen des
Lernens: Dass sie naturgemäß weniger mess- und greifbar sind, mindert nicht
ihre Bedeutung für die Subjektaktivitäten, die wir “Lernen” oder
“Erfahrungsbildung” nennen.
Zur
gesellschaftspolitischen Relevanz subjektorientierten Lernens
Die
Notwendigkeit subjektorientierten Lehrens und Lernens lässt sich zunächst aus
der pädagogischen Erfahrung begründen, dass die Annahme einer homogenen
Schülerschaft - selbst innerhalb einer Klasse - zunehmend zur Fiktion wird. Die
Vielfalt sozialer und kultureller Lebenswelten und der durch sie beeinflussten
Lernvoraussetzungen zwingt zu didaktischen Überlegungen, wie jede Schülerin und
jeder Schüler gefordert und gefördert werden kann. Didaktische Entscheidungen
sind jedoch immer eingebunden in den Diskurs um die gesellschaftliche
Bedeutsamkeit schulischen Lernens.
Weitgehend übereinstimmend
diagnostizieren Sozialwissenschaftler in den modernen Gesellschaften eine nie
zuvor gekannte “Unübersichtlichkeit” (Habermas 1996), ein “Ende der
Eindeutigkeit” (Bauman 1992) bzw. ein Anwachsen von Risiken, von
Entscheidungsmöglichkeiten und -zwängen (Beck 1986). Das Gefühl der Ohnmacht
ist für viele Menschen unserer Gesellschaft zu einer Grundstimmung geworden
ist. Politische und soziale Zusammenhänge erscheinen undurchschaubar komplex,
Veränderungen schwindelerregend, so dass der Einzelne wenig Möglichkeiten
erkennt, Handlungskompetenzen zu entwickeln. Gleichzeitig lässt sich ein Zwang
zur Individualisierung feststellen: Ulrich Beck spricht von der Notwendigkeit,
Identitätsarbeit als “Basteltätigkeit” oder “Baustelle” zu begreifen. Der Blick
auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt, dass allerdings weniger mit
leichten und variablen Bauteilen, jedoch viel mit Beton gearbeitet wird:
Weltweit scheint das Bedürfnis nach eindeutigen und Sicherheit vermittelnden
Identitätsvorstellungen anzuwachsen, nach nationalen oder mythisch begründeten
ethnischen Konstruktionen. Nicht nur international, auch innerhalb einer
Gesellschaft provoziert der Zerfall traditioneller Bindungen die Sehnsucht nach
Harmonie und “Gemeinschaft”. Problematisch wird dies, wenn es als Gegenkonzept
zum konflikthaften und dynamischen Prinzips “Gesellschaft” beschworen wird.
Dies scheint jedoch weltweit zu einem Grundmuster des politischen oder
religiösen Fundamentalismus (vgl. Meyer 1997) zu werden: Die Welt wird dadurch
verstehbar, dass eine klare Grenzlinie zwischen innen und außen die Wahrnehmung
strukturiert. Alles Fremde und Ambivalente dient als Negativfolie zur
Konstruktion einer harmonischen Binnenwelt, in der sich der Einzelne geborgen
fühlen darf. Meist verbunden ist damit die verstärkte Neigung, eigene Schwächen
auf andere, besonders auf Minderheiten zu projizieren und über deren
Diskriminierung eigene Stärke zu gewinnen.
Im Verlauf der
lebensgeschichtlichen Entwicklung sieht sich das lernende Subjekt ständig
gezwungen, seine Bilder des Selbst und der Welt umzubauen bzw. neu zu
konstruieren. Es erkennt sich einerseits als Objekt gesellschaftlicher
Verhältnisse, als “subiectum”, d.h. als ein strukturellen Zwängen unterworfenes
Wesen. Andererseits aber - und dies in zunehmendem Maße - erfährt es sich als selbstbestimmtes
Wesen, welches Ohnmachtsgefühle überwindet, weil bzw. wenn es die
Fähigkeiten entwickelt, seine Welt zu verstehen und sie aktiv zu gestalten. Die
Aktivität des Verstehens äußerer - z.B. gesellschaftlicher -
Entwicklungsprozesse ist also untrennbar verknüpft mit der Arbeit an
Deutungsmustern, d.h. mit Erkenntnis-“Instrumenten”, die es dem Subjekt
ermöglichen, seine Erkenntnis und Erfahrung zu erarbeiten.
“Wie gehe ich, wie gehen wir mit
der hergestellten Ungewissheit und Unkontrollierbarkeit als Ergebnis
fortgeschrittenster Rationalisierung um?” (Beck 1993:46; Herv.i.O.). Ulrich
Beck stellt in treffender Weise fest, dass zur ”epochalen Herausforderung” die
Beantwortung dieser Frage wird. Schließt man sich seiner Gesellschaftsdiagnose
an, sind aus pädagogischer Sicht solche Konzepte gefragt, mit denen es möglich
erscheint, Lernende zu befähigen, Ambivalenz nicht primär als Bedrohung,
sondern als Lerngelegenheit wahrzunehmen. Zur Leitfrage wird, welche Lernumgebung,
welche Herausforderungen und Formen begleitender Unterstützung notwendig sind,
damit die Lernenden ihre Ohnmachtsgefühle bearbeiten und damit Subjekthaftigkeit
entwickeln können. Damit wird die politische Dimension eines solchen Lernens
deutlich: Wer sich als kompetent handelndes Subjekt erfährt, wer gelernt hat,
mit Krisen und entwicklungsoffenen Situationen souveräner umzugehen, dürfte
weniger anfällig sein für geschlossene Weltbilder und einfache
gesellschaftspolitische Lösungen.
Im Anschluss an Adornos Forderung
einer “Erziehung nach Auschwitz” gelten die kritische Selbstreflexion und die
Analyse der Bedingungen, die zu Totalitarismus führen, als Grundpfeiler der
(politischen) Bildungsarbeit. Eine solche “Bewusstmachung der subjektiven
Mechanismen” (Adorno 1971:103) scheint jedoch nur bedingt zu gelingen, wenn
allein die kognitive Dimension menschlicher Erfahrungsproduktion fokussiert
wird. Mit den folgenden Überlegungen zu einer “subjektorientierten Didaktik” in
der Schule soll zum einen der Versuch unternommen werden, die
Spannungsbeziehung zwischen Lehren und Lernen aus der Perspektive des Lernenden
durchzubuchstabieren. Zum anderen geht es um eine pädagogische Antwort auf die
politisch relevante Frage nach der Entwicklung zivilgesellschaftlichen Handelns.
Erkenntnisleitend ist dabei die Frage: Wie lässt sich Subjektentwicklung als
Aktivität beschreiben - mit dem Ziel, Handlungsspielräume für andere und
mit ihnen - und damit auch für sich selbst - zu entdecken, zu
gestalten und zu erweitern?
Subjektorientiert
lehren und lernen
|
1.These: Lernen
ist ein selbstorganisierter Prozess der Kompetenzentwicklung, in dessen
Verlauf das lernende Subjekt Erfahrung herstellt. |
Wenn wir
sagen, jemand habe “eine Erfahrung gemacht”, meinen wir häufig, er habe etwas
erlebt, wahrgenommen oder ihm sei etwas zugestoßen. Die Alltagssprache verdeckt
jedoch, dass dieser Prozess sehr viel komplexer ist, als es auf den ersten
Blick scheint. Wenn wir Erfahrung als Resultat komplexer Wechselwirkungsprozesse
verstehen, dürfte dies der Realität, d.h. hier: der Aktivität des lernenden
Subjekts, sehr viel näher kommen: Es “organisiert” oder “produziert” seine
Erfahrung, indem es auf bestimmte Erlebnisse besondere Aufmerksamkeit lenkt und
sie thematisch verdichtet verarbeitet, d.h. solche Bedeutungen findet, die
rückblickend und vorausschauend als “sinnvoll” erscheinen.
Erkenntnistheoretisch lässt sich diese Aktivität als Wechselwirkung zwischen
den Erfahrungsdimensionen der Wahrnehmung, Reflexion sowie des Handelns
beschreiben:
Einwirkung auf die Realität kommunikatives,
soziales ....
![]()
Hervorbringen von AUSDRUCK Handeln
Wirklichkeit Entwicklung
realitäts- und subjekt-
angemessener Formen des Ausdrucks
Prägung von Körperbildern /
![]()
Vorstellungsbildern
![]()
WAHRNEHMUNG REFLEXION
Erzeugen
innerer Anschauung / Phantasie reflexive
Deutung des Wahrgenommenen
Umgang mit
der Ambivalenz der verstehende
Auseinandersetzung mit der
Gefühlswelt
(Ängste, Wünsche) äußeren
und inneren Realität
“awareness” / Sensibilität in Bezug auf etwas “zur Sprache” bzw.
“auf den Begriff”
Gefühlsqualitätem bringen;
Abstraktionsfähigkeit und
(Tag-)Träume Flexibilität
des Denkens gewinnen
Entwicklung
realitäts- und subjekt-
angemessener Formen der
Reflexion / Erkenntnisgewinnung
·
In
Bezug auf die Dimension der Wahrnehmung entwickelt der Lernende
etwa die Fähigkeiten, sich selbst und andere(s) bewusster zu erleben, mit allen
Sinnen wahrzunehmen, Phantasien und Vorstellungsbilder zu erzeugen und mit
ihnen umzugehen oder sich selbst als Teil von Kommunikations- und
Verstehensprozessen wahrzunehmen.
·
Mit
der Kompetenzentwicklung im kognitiven Bereich (Reflexion)
erwirbt das Subjekt die Fähigkeit, mit Hilfe der Sprache bzw. abstrahierender
Begriffe immer größere Zusammenhänge herzustellen. Das Denken wird flexibler,
und die äußere Realität kann situationsunabhängig interpretiert werden. Auch das
eigene psychische bzw. körperliche Erleben, die “innere Realität”, erscheint
be-greifbar, wenn die affektiv gefärbten inneren Bilder “zur Sprache kommen”
können.
·
Mit
der Dimension des Ausdrucks wird die soziale bzw. gestalterische
Praxis gefasst: Durch das kommunikative Handeln in seiner Lebenswelt bringt der
Lernende Wahrgenommenes und Reflektiertes zum Ausdruck, wirkt auf seine Welt
ein und in der Auseinandersetzung mit der Widerständigkeit der Realität
entwickelt er die Fähigkeit, solche Formen des (politischen) Handelns oder
Möglichkeiten des Sich-Ausdrückens zu finden, die in Bezug auf die Realität und
auf die eigenen Kompetenzen jeweils angemessen erscheinen. Kompetenzentwicklung
in dieser Erfahrungsdimension bedeutet, dass sich das Subjekt neue Formen und
Medien des Ausdrucks aneignet bzw. Perspektiven des Handelns entwickelt. Diese
Tätigkeit bezieht sich nicht nur darauf, was traditionellerweise ästhetische
Praxis genannt wird. Sie umfasst in gleicher Weise die politische Aktion oder
die Gestaltung politischer und sozialer Verhältnisse: Aus der Perspektive
subjektbezogener Aneignung lässt sich dieses Handeln als ergebnisoffenen Such-
und Konstruktionsprozess begreifen, bei dem das lernende Subjekt jeden Schritt
daraufhin überprüfen muß, ob er “gangbar” ist: Jede neue Aktivität wird im
Spannungsfeld zwischen einem Rückblick, d.h. einer Einordnung in das System
bisheriger Erfahrungen, und einer Einschätzung künftiger Möglichkeiten und
Wahrscheinlichkeiten beurteilt. Der anvisierte Zielbereich ermöglicht eine
ständige Korrektur der Schritte, ebenso wird mit jedem Schritt deutlicher, wie
der Zielbereich zu definieren und mit welchen weiteren Aktivitäten dorthin zu
gelangen ist. Ein solches Verständnis gründet auf einem “pragmatischen
Handlungsmodell”, wie es Hans Joas (1992:190) im Anschluß an Peirce und Dewey
skizziert: Immer wieder erweisen sich unsere Handlungsgewohnheiten und
Vorstellungen von der Realität als unpassend, und wir sind gezwungen, kreative
Lösungen zu entwickeln, damit die Welt uns wieder als stimmig erscheint. Dabei
spielt die “Einbildungskraft” eine entscheidende Rolle, “weil sie in der Welt
enthaltene Möglichkeiten erkennt und zu deren Verwirklichung beiträgt” (Joas
1992:211). Das Handeln selbst führt zu kreativen Problemlösungen, weil es
ständig dazu zwingt, aus einer Fülle von Möglichkeiten auszuwählen und neue
Anforderungen zu bewältigen. Vor allem John Dewey wird für Joas zum Kronzeugen
eines Handlungskonzepts, in dem sich die Logik des Forschens und Entdeckens als
ständige Konstruktion und Umorientierung der Wahrnehmung verstehen lässt.
Wenn wir von
jemandem sagen, er habe einen “Entwicklungssprung” gemacht, dann meinen wir,
dass diese Person ein kompetenteres Verhalten zeigt, differenzierter
reflektieren bzw. sich selbst und andere sensibler wahrzunehmen in der Lage
ist. D.h. dieses Subjekt hat eine neue (Synthese-)Form der
“Erfahrungsorganisation” geschaffen, die es ihm ermöglicht, das eigene
Selbst-Bild und das Bild der äußeren Welt in eine qualitativ neuartige
Beziehung zueinander zu setzen. Es macht die Erfahrung von “Selbstwirksamkeit”
(vgl. Edelstein 1995), wenn es sich nicht mehr als “eingebundenes” und
getriebenes Opfer der Verhältnisse, der Ängste, Wünsche (und Projektionen auf
andere), sondern als etwas be-wirkendes Subjekt erlebt, das ein Stück
Unabhängigkeit gewonnen hat und sich den Dingen und diesen Gefühlsqualitäten
aktiv handelnd gegenüberstellen kann (vgl. Kegan 1991:141ff.).
Die Dynamik der
Wechselwirkungsbeziehung zwischen den drei Dimensionen der Erfahrungsorganisation
lässt sich als Spiel von Notwendigkeiten und Möglichkeiten beschreiben. Die
kreative Bearbeitung (Ausdruck), die Wahrnehmung wie auch das reflexive
Erkennen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen einer Anpassungsleistung und
der tastenden Suche nach dem Neuen, der noch nicht entwickelten Kompetenz.
Folgt man dem
entwicklungspsychologischen Konzept von Piaget, findet im Verlauf der
Lebensgeschichte ein Prozess der “Dezentrierung” statt, d.h. man nimmt die Welt
immer weniger selbstbezogen wahr und sieht sich immer mehr als Teil eines
(sozialen, ökologischen, politischen) Ganzen. Potentiell kann damit das Subjekt
immer mehr Verantwortung für sich selbst, für sein Lernen und für sein Handeln
übernehmen - und auch in ambivalenten Situationen handlungsfähig bleiben (vgl.
Holzbrecher 1997: 128ff).
|
2.
These Lernen
erhält seine Dynamik zum einen durch Anforderungen von außen, zum anderen
durch die Neugier- und Aufmerksamkeitshaltung des Subjekts. Die Arbeit an
äußeren und inneren Widerständen ist dialektisch aufeinander bezogen. |
Mit dieser These wird die
reformpädagogische Denkfigur, man solle dem Kind (Frei-)Räume schaffen, damit
es “wachsen” und “sich entfalten” kann, ergänzt um ihr dialektisches
Gegenstück: Häufig ermöglichen erst die Herausforderungen der Umwelt,
Anforderungen und Widerstände dem Subjekt, sein Potential, d.h. seine
verborgenen Kompetenzen entwickeln zu können. “Die Person wählt und gestaltet
jene Umwelt mit, die es ihr ermöglicht, sich in ihr und ihren Ideen zu
verwirklichen. Die Person wählt bis zu einem gewissen Grad den Werkstoff, der
ihr jenen Widerstand entgegensetzt, an dem sie ihr wichtig erscheinende
Fähigkeiten entfalten kann.” Diese Feststellung des Psychologen Jürg Willi
(1989:109) macht deutlich, dass es gerade die Gegen-Stände und Gegen-Sätze
sind, die den Anreiz bieten, die eigenen Fähigkeiten daran zu messen und
weiterzuentwickeln.
Zu den von der
Außenwelt kommenden Anforderungen kommen innere Widerstände, z.B.
Grenzen der Kompetenz, psychologische Grenzerfahrungen oder zu überwindende
Schwierigkeiten. Als “innere Widerstände” werden v.a. Ängste erlebt, z.B. zu
versagen, vor einer Autorität nicht bestehen zu können, Verlustängste, die
Angst vor dem Erleben des eigenen Unwerts, die Angst vor dem Sich-Fremd-Fühlen
oder die Angst, den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen. Diese Ängste
sind z.T. biografisch bedingt, z.T. abhängig von alterstypischen Entwicklungen.
Gerade in der Jugendzeit wird diese Arbeit an äußeren und inneren Widerständen
besonders prekär, weil - entwicklungspsychologisch und physiologisch - bedingt,
Selbstbilder und Weltbilder sich verflüssigen, was als existenzielle Krise
wahrgenommen wird. Da “innere Widerstände” immer mit äußeren vermittelt sind,
beinhaltet Subjektarbeit in zentraler Weise die Auseinandersetzung mit
den gesellschaftlichen Bedingungen, die die Subjektentwicklung beeinträchtigen.
Widerständigkeit findet der eine
in der intellektuellen Grenzerfahrung (Dimension der Reflexion), ein
anderer im sinnlich-emotionalen Erleben (Wahrnehmung) und ein Dritter im
kreativen Gestalten oder im kommunikativen Handeln (Ausdruck). Es ist
davon auszugehen, dass das lernende (und lernwillige) Subjekt je nach Alter,
Geschlecht oder milieu-/kulturspezifischer (Lern-)Erfahrung mal in dieser oder
in jener Dimension den “passenden” Widerstand sucht, der die Entwicklung
spezifischer Fähigkeiten ermöglicht. Bildung im Sinne einer Subjekt-entwicklung
(vgl. Meueler 1993) ereignet sich jedoch erst, wenn Lernende sich die Fähigkeit
aneignen, die durch die Anforderung hervorgerufene Ambivalenz-, Fremdheits-
oder Krisenerfahrung produktiv zu verarbeiten, d.h. wenn bei dieser
“Subjektarbeit” möglichst alle drei Erfahrungsdimensionen aktiviert werden. Daher
wäre es kurzschlüssig anzunehmen, mit subjektorientierter Didaktik orientiere
man sich ausschließlich an den alters-, geschlechts- oder kulturspezifischen
Lernformen der SchülerInnen. Allerdings ermöglicht deren Kenntnis eine
“Feinabstimmung” innerhalb des Dimensionendreiecks, d.h. eine gezieltere
Gestaltung von Anforderungen und Hilfestellungen, von fördernden und fordernden
Lernumgebungen.
Erfahrung durch Lernprozesse
herstellen kann nur das Subjekt selbst: Die Wechselwirkung zwischen den drei
Dimensionen kann als ein kreativer Prozess verstanden werden, in dessen Verlauf
- um es metaphorisch auszudrücken - der Bauherr ein neues Haus errichtet, und
zwar mit alten, vertrauten und mit noch eigens zu entwickelnden Baumaterialien,
entsprechend den eigenen, weiter zu entwickelnden Plänen und angepasst an die
äußeren ökologischen Bedingungen.
|
3.
These Ausgangspunkt
einer subjektorientierten Didaktik ist die Frage: Auf welche Weise eignen
sich lernende Subjekte Erfahrung an, verwandeln Herausforderungen in
persönlich bedeutsame Lerngründe
- und “konstruieren” damit ihre Lebenswelt? |
Mit dem Begriff
“Lebenswelt” wird i.d.R. der äußere, materielle Lebensraum bezeichnet, der
vertraut und überschaubar ist. Wenn wir davon ausgehen, dass “Wirklichkeit”,
wie wir sie wahrnehmen, eine Konstruktion ist, wird eine zweite Bedeutung
sichtbar: Lebenswelt als subjektive Konstruktion. Wir sind zwar einerseits
“Objekte” gesellschaftlicher Verhältnisse, weil wir den Marktgesetzen
unterworfen sind und von der Umwelt im Verlauf des Sozialisationsprozesses
geprägt werden bzw. die Normen des Milieus verinnerlichen, in dem wir
aufwachsen. Andererseits sind wir als Subjekte Konstrukteure unserer Erfahrung
und entwickeln im Verlauf dieser Aneignungstätigkeit spezifische Muster der Deutung.
Mit dem Konzept des
Habitus, wie es von dem französischen Sozialwissenschaftler Pierre Bourdieu
entwickelt wurde, scheint es zu gelingen, einerseits die Wechselwirkung
zwischen milieu- und kulturbedingten Sozialisationsstrukturen und dem Prozess des
subjektiven Erlebens, der Erfahrungsbildung - subjektiven
Lebenswelt-Konstruktionen - zu beschreiben, andererseits die Dimension des
Handelns als “Ausdruck” einer spezifischen Selbst- und Weltwahrnehmung zu
verstehen:
HABITUS als verkörperte Erfahrung
historisch-gesellschaftlicher Kontext
ø
kultur-/milieuspezifische
soziale / ästhetische
Praxis
Sozialisationsmuster
ø Ausdruck ö

“Erzeugnis” HABITUS “Erzeugungsprinzip”
lebensweltliches ñ
Erleben Handlungsmuster
Aneignung ästhetische
Vorlieben
Erfahrungsbildung
ò Körpersprache
“Muster”
des
Fühlens,
Denkens... ñ
ø

Weltbild
/ Bild vom Selbst
![]()
Wahrnehmung Reflexion
Der Begriff des Habitus lässt an
“Körperhaltung” denken, d.h. daran, dass lebensgeschichtliche Erfahrungen “in
den Leib geschrieben” sind. Nach Bourdieu ist unter Habitus jedoch nicht nur
ein Produkt oder “Erzeugnis” zu verstehen, sondern auch ein Erzeugungsprinzip
(Bourdieu 1974:39 ff; 1982: 278ff), denn diese Muster werden etwa in ästhetische
Vorlieben, in Körpersprache bzw. in gedankliches oder kommunikatives Handeln
“übersetzt”.
Bei der subjektiven und
gruppeninternen Konstruktion von “Lebenswelt” spielt eine bedeutende Rolle, wie
man sich selbst bzw. als Gruppe im Verhältnis zur “Außenwelt”, “zum Anderen”
definiert. D.h. die Beziehung zwischen der Sphäre des Eigenen und der des
Fremden, die Selbst- und Fremdwahrnehmung, ist das Grundthema der
Lebensweltkonstruktionen und es erscheint plausibel, von geschlechts-, alters-
oder kulturspezifische Formen der Erfahrungsorganisation auszugehen. Am
geschlechtsspezifischen und kulturspezifischen Körperausdruck lassen sich etwa
solche spezifische Formen des Wahrnehmens, des Denkens, des sozialen Handelns
und des ästhetischen Ausdrucks erkennen. Männer und Frauen gehen häufig
unterschiedlich mit dem eigenen Körper um und konstruieren damit in
unterschiedlicher Weise Grenzen, die verteidigt oder durchlässig gehalten
werden. Vermutlich spiegeln sich gerade im Körperbild Fantasien und Ängste dem
Anderen gegenüber, gegen den/das man sich heftig abgrenzt oder aber mit dem man
symbiotisch verschmelzen möchte.
Im Kontext der Frage,
wie “Eigenes” und “Fremdes” in den Lebenswelt-Konstruktionen codiert wird,
kommt der Kompetenzerfahrung eine bedeutende Rolle zu: Wer sich als
ohnmächtiges Opfer der Verhältnisse fühlt, der wird “Fremdes” bzw. die
Offenheit und Ambivalenz gesellschaftlicher Strukturen nicht als faszinierend
und herausfordernd wahrnehmen können, sondern als beunruhigend und bedrohlich.
Um die eigene Ohnmacht und die damit verbundenen Frustrationen zu kompensieren,
dürfte er sich bzw. “das Eigene” idealisieren und heftig vor “dem Fremden”
schützen wollen. Damit entwickelt sich ein Weltbild, bei dem das Ich im
Kollektiv Geborgenheit sucht und sich damit über die mit der Ohnmachtserfahrung
und der verweigerten Anerkennung verbundene Kränkung des Selbstwertgefühls
hinwegtröstet - als scharf konturiertes Gegenbild zu der als “feindlich” oder
“chaotisch” wahrgenommenen Außenwelt: Um den Selbst-Wert zu steigern, bietet
sich die Abwertung des Anderen an, die Grundrezeptur rassistischer Weltbilder.
Die pädagogische und
politische Erfahrung lehrt uns, dass vor allem die Entwicklung von Fähigkeiten
bei der Bearbeitung von Ohnmachtserfahrungen eine bedeutende Rolle spielt (vgl.
Gronemeyer 1976): Wer im sozialen, im kreativ-gestalterischen Bereich oder beim
kritisch-reflektierenden Verstehen die Erfahrung von Kompetenz macht, kann sich
selbst als Gestalter des eigenen Lebens wahrnehmen und seine Lebenswelt als
Lerngelegenheit und Herausforderung. Von entscheidender Bedeutung scheint bei
dieser Transformation von Ohnmachtsgefühlen die Anerkennung durch andere zu
sein.
|
4.These Im didaktischen Prozess gilt es die
subjektiv-biografische Ebene mit der lebensweltlichen bzw. der
historisch-gesellschaftlichen zu verknüpfen. Die Dimensionen der Wahrnehmung,
Reflexion und des Handelns werden in den einzelnen Arbeitsphasen
unterschiedlich gewichtet. |
Dieses Modell soll es ermöglichen,
von hier & jetzt in symbolisierender Weise zum Ausdruck gebrachten
Bildern, Einstellungen und Vorwissen auszugehen (I). Diese Inhalte werden im
weiteren auf ihre biografischen bzw. lebensweltlich erlernten Bedeutungsgehalte
(II) hin untersucht; schließlich wird gefragt, inwiefern diese ihrerseits vor
dem Hintergrund historisch-gesellschaftlicher Strukturen und Entwicklungen
(III) zu deuten sind. In einem weiteren Schritt, und dies ist die
Zielperspektive des Modells (IV), werden die lebensweltlich-biografische und
die historisch-gesellschaftliche Ebene so miteinander zu verknüpfen, dass hier
& jetzt im Binnenraum der Lerngruppe Möglichkeiten einer konstruktiven
und kreativen Veränderung von Deutungs- und Handlungsmustern erarbeitet und
erprobt werden können. Dies beinhaltet die gemeinsame Suche nach ästhetischen
Handlungs- bzw. politischen Aktionsfeldern (vgl. Holzbrecher 1997:261ff.):
AUSDRUCK
/ PHÄNOMEN VI: Evaluation in Bezug auf
-
Sacherfolg
-
subj. Motivationen
-
gruppenbez. Motivationen
-
Angemessenheit der
Handlungsformen
V:
Politische /
Ästhetische
Aktion
I:
Subjektebene II:
Biografisch-lebensweltliche Ebene
A A
W R W R
HIER & DORT
&
JETZT DAMALS
IV:
Erarbeitung von III:
Historisch-gesellschaftliche Ebene
Handlungsmöglichkeiten
auf
Gruppenebene
A A
W R W R
STRUKTUR
/ BEZIEHUNG
Mit diesem Modell
1.
wird
es möglich, die dialektischen Bezüge zwischen den Lebensweltkonstruktionen des
“Eigenen” und des “Fremden” aufzuzeigen, die als biografische Bemühungen um
“Identität” bzw. Subjektentwicklung im geschichtlichen und gesellschaftlichen
Kontext zu verstehen sind;
2.
kann
deutlich werden, dass alle Formen der Wahrnehmung des Anderen
kulturgeschichtlich überformt sind. Dies ist die Voraussetzung für die
Erkenntnis der Relativität von “Wahrheit”;
3.
wird
die Aneignungaktivität der lernenden Subjekte als kommunikativer und kreativer
Prozess (vgl. Phase IV) gestaltet, bei dem mehrere Dimensionen der
Erfahrungsbildung berücksichtigt werden.
4.
Die in
den einzelnen Phasen unterschiedliche Akzentuierung der drei Dimensionen der
Erfahrungsbildung regt nicht nur zur Entwicklung einer methodischen Vielfalt
an, sondern kommt auch der Aneignungsaktivität der Lernenden, d.h. den
unterschiedlichen Lerntypen, entgegen.
5.
(Selbst)Reflexive
Aktivitäten im Binnenraum der Lerngruppe werden verknüpft mit solchen im
politischen Außenraum, sei es durch Veröffentlichung der Lernergebnisse oder
soziale Aktionen (vgl. Holzbrecher 1999). Ein solches Lernen versteht sich als
Ferment einer Zivilgesellschaft, d.h. eines Laboratoriums zur Entwicklung einer
politischen Lernkultur, deren wesentliches Kennzeichen die Bereitschaft der
Bürger/innen ist, sich einzumischen und die Offenheit gesellschaftlicher
Strukturen als Gestaltungsaufgabe zu begreifen.
|
5.
These Subjektorientiertes Lehren heißt,
Wahrnehmungs-, Reflexions- und Handlungskompetenzen herauszufordern und
unterstützend zu begleiten. Es ist eine Forschungs- und Gestaltungstätigkeit,
bei der sich die Entwicklung eigener Subjekthaftigkeit und Professionalität
wechselseitig beeinflussen. |
Diese
These lässt sich nach zwei Seiten hin entfalten: Erstens nach der der Unterrichtsgestaltung.
Hier stellt sich die Frage, wie die pädagogische Situation gestaltet wird bzw.
welche Art von Herausforderungen und unterstützender Begleitung notwendig
erscheinen. Auf einer zweiten Ebene geht es um die Subjektentwicklung der
Lehrperson selbst, d.h. um die Arbeit an professions- und personbezogenen
Kompetenzen. Zunächst zum ersten Aspekt, der Gestaltung von Unterricht:
Subjektorientiert lehren: Subjektentwicklung herausfordern
und unterstützend begleiten
Angebot
eines breiten Spektrums an ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten und
herausfordernden
Methoden der Aneignung / Erkenntnisgewinnung
Ausdruck

Wahrnehmung Reflexion
Anerkennen der spezifischen Aneignungsformen zu intellektuellen Grenzerfahrungen heraus-
Phantasietätigkeit anregen / Lebendigkeit der fordern
Vorstellungsbilder erhalten; zur
Arbeit an der Begriffsbildung und der
Sensibilität für Selbst- und Fremdwahrnehmungs- Versprachlichung von Deutungen anleiten;
prozesse entwickeln (helfen) Verstehenskontexte
erweitern
·
Bezogen
auf die Dimension der Wahrnehmung ist zunächst an die Forderung zu
erinnern, Lernende als Subjekte ernstzunehmen, d.h. sie mit ihren spezifischen
Gefühlswelten und Aneignungsformen anzuerkennen. Dabei ist etwa die Erkenntnis
zu berücksichtigen, dass ein großer Teil der SchülerInnen zu den
“umfeldsensiblen” Lernern gehört, für die etwa die “Stimmigkeit” des Lernklimas
und der -atmosphäre entscheidend zum Lernerfolg beiträgt (vgl. Apeltauer
1995:146). Schließlich gilt es das altersspezifische Bedürfnis nach intensivem
und sinnlichem Erleben zu berücksichtigen. Möglicherweise fördern Medien und
Methoden, bei denen mit Fantasien und vorbewussten Bildern gearbeitet wird, die
Entwicklung einer psychischen Disposition, die es ermöglicht, ambivalente
Situationen “offen zu halten”, mit Deutungsmöglichkeiten spielerisch umzugehen
und neue Lösungswege probeweise zu erkunden (vgl. Holzbrecher 1997:241ff.).
·
zur
Dimension Ausdruck/Handeln:
Die
Kunstpädagogin Maria Peters: schreibt: “Was nicht klar gesagt werden kann,
davon muss man schreiben” (1997:449). Damit wird deutlich, dass oft erst die
ästhetische Praxis einen Zugang zu ambivalenten Vorstellungsbilder ermöglicht -
und dazu, sie subjektiv be-greifbar zu machen: Wenn den Schülern ein breites
Spektrum an ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten angeboten wird, können sie
damit nicht nur reflexiv verarbeitete Erfahrungen, sondern auch die mit
ihnen verknüpften emotionalen Aspekte verarbeiten. In ihrer symbolisierten
Gestalt sind etwa die “Bilder des Fremden”, Wunsch- und Angstvorstellungen oder
Erfahrungen von verletztem Selbstwertgefühl enthalten, deren Ausdruck und
kommunikativer Austausch allein oft schon als befreiend erlebt wird. Kreatives
Schreiben, bildnerisches Gestalten, die Arbeit mit Pantomime, Tanz, Theater
oder mit Foto und Film werden damit zu “Instrumenten der Erfahrung”,
Ästhetische Praxis als Arbeit an Deutungsmöglichkeiten.
·
Reflexion:
“Auch
Abstraktion ist lustvoll”, schreibt Luc Ciompi (1997:115), denn sie ermöglicht
eine höhere Ebene des Verstehens: Die zunehmend aktivere Auseinandersetzung mit
sich selbst und der Außenwelt verstärkt den Wunsch, die Realität mit
geschärften Sinnen wahrzunehmen und sich in Beziehung zu ihr zu setzen. Das
(jugendliche) Subjekt macht die Erfahrung, dass dieses Begreifen umso besser
gelingt, je präziser die Begriffe sind. Erst wenn sie zur Sprache kommt,
kann die gefühlsmäßige Wahrnehmung Konturen gewinnen und mit anderen
Erfahrungen zu einem konsistenten Ganzen zusammengefügt werden. Das Subjekt
gewinnt damit eine immer größere Souveränität gegenüber eigenen Empfindungen,
Wünschen, Interessen und Weltbildern, weil eine Brücke zwischen einer vorrationalen
Wahrnehmung und dem logischen Denkvermögen geschlagen wird. Jetzt kann davon
gesprochen werden, dass eine verstehende Auseinandersetzung mit der inneren und
äußeren Wirklichkeit stattfindet, bei der sich das Subjekt die Fähigkeit
aneignet, sich selbst als Beobachter und Interpreten zu reflektieren.
Vermutlich spielt dieses Vermögen eine entscheidende Rolle im Prozess der
“Dezentrierung” des Subjekts (s.o.), in dessen Verlauf es sich als Teil
komplexer sozialer und ökologischer Systeme erkennt und für deren Gestaltung es
(Mit)Verantwortung übernimmt. Bei der Gestaltung des Lehr-Lern-Prozesses gilt
es also zu intellektuellen Grenzerfahrungen herauszufordern, zur Arbeit an der
Begriffsbildung und Versprachlichung von Deutungen anzuleiten sowie zur Fähigkeit,
Zusammenhänge zu analysieren und zu klären. Schließlich gilt es
Verstehenskontexte weiterzuentwickeln und die Perspektivität von Wahrnehmung
und Reflexion zu erkennen.
Der Aspekt der Subjekt- und
Professionalitätsentwicklung des Lehrenden soll abschließend nur angedeutet
werden, obwohl damit möglicherweise zum Kern einer Veränderung der
Lehr-Lern-Praxis vorgedrungen wird. Das Konzept des “Forschenden Lehrens” (vgl.
Altrichter/Posch 1998) ist hier anschlussfähig, weil damit der Anspruch
verbunden ist, Fremdverstehen als prinzipiell unabschließbaren Such- und
Gestaltungsprozess zu konzipieren. Das aufmerksame Beobachten und Wahrnehmen
schulischer Realität schließt immer auch die Selbstreflexion ein. “Forschendes
Lehren” ist also in grundlegender Weise an die Entwicklung eigener, persönlich
bedeutsamer Lern-Ziele gekoppelt, an Wahrnehmungs, Reflexions- und
Gestaltungskompetenzen.
Forschend
LehrenLernen
Präzisierung / Weiterentwicklung von diagnostischer Kompetenz &
Handlungskompetenz
ê
Neugierhaltung
ì “forschender Habitus” Vorwissen,-einstellungen ð Erkenntnisinteresse ð Kontakt ê
Lehrer/in
als ø
gestaltendes Schule
Subjekt
Subjektentwicklung & Schulentwicklung ÷
(Wahrnehmungs-,
Aneignung
Reflexions-
und (selbstreflexive
und
Gestaltungskompetenzen, kreativitätsfördernde
persönlich
bedeutsame Methoden)
LernZiele
...)
ë õ ÷ í
In
Beziehung setzen von
Fremdwahrnehmung
(schul. Realität / Schulentwicklungsprozess)
und
Selbstwahrnehmung
(Erfahrungen, Erwartungen, Wünsche...)
im Kontext fach- und
erziehungswissenschaftlicher Theorieansätze
Die eigene Erfahrung von
Selbstwirksamkeit wird zur Voraussetzung dafür, andere bei der Entwicklung von
Subjekthaftigkeit zu unterstützen. Dies gilt für Lehrer in gleicher Weise wie
für die Schüler/innen untereinander. Um den Vergleich vom Anfang wieder
aufzugreifen: Die Akteure auf der Bühne werden in dem Maße fähig, Mitspielern
Handlungsspielräume zu eröffnen und sich selbst vom anderen her zu denken, als
sie sich selbst als kompetente und anerkannte Subjekte erfahren.
Subjektorientierung wird damit in
mehrfacher Hinsicht zu einem heuristischen Prinzip:
·
Für
den Lehrenden / “Regisseur” werden die gewählten Herausforderungen und die
Arbeitsmethoden zur Lerngelegenheit, die es ihm ermöglicht, die Selbstentwürfe,
Aneignungsformen und die Kompetenzen der Lernenden zu entziffern und Lehren
als Forschungsprozess zu gestalten.
·
Er
entwickelt Professionalität, indem er diese berufliche Tätigkeit als
Herausforderung für seine eigene Subjektentwicklung versteht, - im
Bewusstsein, dass er damit die Subjektentwicklung der Schüler/innen fordert und
fördert.
·
Die
Schüler/innen entwickeln Verantwortung für das eigene Handeln, indem sie
lernen, sich selbst vom Anderen her zu denken und gemeinsam
Handlungsspielräume und neue Perspektiven des Wahrnehmens, der Reflexion und
des Ausdrucks zu entdecken.
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Autonomie in pluralistischen
Gesellschaftssystemen - Entwurf einer konstruktivistischen
Denkerziehung, Mainz
Ziehe, Thomas (1996): Adieu 70er Jahre. Jugendliche und
Schule in der zweiten Modernisierung.
PÄDAGOGIK
48(1996)H.7/8, S.35-39
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Autor: Prof. Dr. Alfred Holzbrecher
Pädagogische
Hochschule Freiburg
Kunzenweg
21, 79117 Freiburg
Tel.
0761/682-238; e-mail: holzbrec@ph-freiburg.de
[1] In diesem Vergleich wirkt eine vor mehreren Jahren gemachte Erfahrung einer Lehrerfortbildung im Freien Werkstatt Theater Köln nach, bei der aus Improvisationsübungen heraus gemeinsame Szenen entwickelt wurden.
[2] “Erziehungswissenschaft” ist seit der
Oberstufenreform in Nordrhein-Westfalen (1972) ein Unterrichtsfach im gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeld. Die jüngst erschienenen Richtlinien für die Sekundarstufe I
zeigen die Bemühungen, das Fach auch in den Jahrgangsstufen 9 und 10 im
Wahlpflichtbereich anzubieten. Ein vergleichbares
Angebot gibt es in Brandenburg seit 1992, während der unter der Fachbezeichnung
“Sozialwesen” in Bayern und Thüringen für Realschüler/innen angebotene
Pädagogikunterricht nur bedingt den Intentionen des nordrhein-westfälischen
Pädagogikunterrichts entspricht.
[3] Vgl. Prengel 1983; Burow/Kaufmann 1991; Bürmann 1992; Burow 1993; Burow/Gudjons 1994; Buddrus 1995; Dauber 1997a/b